Freitag, 26. August 2016

Raif Badawi & lauter Burka - Fragen


Laut einem Beitrag von livingtired.org ( "Daily News Of Internet" ) vom 18. August 2016 soll ein Gericht in Saudi Arabien das Urteil gegen Raif Badawi trotz Protests aus einer Vielzahl von Ländern erneut bestätigt haben. Danach bleibt Raif Badawi in Haft, und die Auspeitschung soll wieder aufgenommen werden. 
Diese Meldung konnte ich bislang nicht verifizieren und habe auch keine Anhaltspunkte dafür im Twitter - Account Raif Badawis finden können.

Saudi - Arabien als Thema ist momentan sehr, sehr weit weg, der gesamte Nahe Osten scheint es, so lange keine weiteren Geflüchteten vor unseren Grenzen stehen...


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Dafür stand in den vergangenen Tagen auf sämtlichen Kanälen das Thema "Burka" ( und deren Verbot ) auf der Agenda. In solchen Zeiten könnte man meinen, Deutschland habe nur ein einziges großes First World Problem. Dabei ist es sicher nicht ein Kleidungsstück, das unser gesellschaftliches Zusammenleben derzeit akut belastet...

Auch wenn ich viele andere Dinge im Kopf hatte, konnte ich mich einzelnen Fragen nicht entziehen ( immer reizvoll: die Möglichkeit der Ablenkung von persönlichen Nöten ). Das ist dabei herausgekommen:

  • Was ist eigentlich eine Burka?        Ich habe nämlich bisher eine solche immer nur in alten ethnologischen oder Trachtenbüchern zur Region Afghanistan zu sehen bekommen sowie in Filmen wie die "Reise nach Kandahar". Selbst im Bonner Stadtteil Bad Godesberg, in dem ich mich nun 2x wöchentlich aufhalte, ist mir noch nie jemand in einer Burka begegnet. Dafür lauter Frauen im Niqab. Da sollte man schon genauer sein, meine ich: Der Niqab ist im fundamentalistischen - wahabitischen Saudi-Arabien zu Hause und dort ist vom Gesetzgeber verpflichtend für Frauen das Tragen mindestens einer Abaya vorgesehen.*
Früher schon war es in den Wüsten der arabischen Halbinsel üblich, dass Männer wie Frauen sich mit Gesichtschleiern vor den Sandstürmen schützten. Zum Ende des 19. Jahrhunderts hin wurde daraus der Niqab als exklusive Kopfbedeckung der Oberschichtfrauen im Osmanischen Reich, die sich von der Öffentlichkeit auf der Straße abschirmen und der Alterung ihrer Haut durch Sonneneinstrahlung entgegenwirken wollten. In Saudi - Arabien wurde diese Bekleidung nach dem Sturz des Sultans 1908 wieder abgelegt wie in allen islamischen Gesellschaften nach dem Ende des Osmanischen Reiches. 
In Ägypten ist er ein neuzeitliches Phänomen, denn bis in die 1990er Jahre trug dort keine Frau einen Niqab, mir ist selbst im von den Muslimbrüdern dominierten Oberägypten jedenfalls keine begegnet. In Tunesien ist der Niqab auch erst nach dem Ende der Diktatur auf Druck der Salafisten 2011 aufgekommen und noch immer rechtlich strittig ( und der Verein zur Gleichstellung der Geschlechter in Tunesien eine Anti-Niqab-Kampagne in Tunis startete ).

  • Ist die Burka/Niqab/Abaya eine religiöse Pflicht?    Nein, das ist sie nicht. Mitglieder des Hohen Geistlichen Rates der Al - Azhar - Moschee in Kairo, der höchsten Autorität sunnitischer Muslime, betonen dies immer wieder und gehen sogar gegen verschleierte Studentinnen an ihren Schulen & Universitäten vor. Es gibt nur drei Stellen im Koran, aus denen muslimische Rechtsgelehrte die Pflicht von Frauen herleiten könnten, sich zu verschleiern. Die Schrift fordert Frauen auf, einen Schal zu tragen, der ihren Schmuck verdeckt bzw. etwas von ihrem Überwurf über sich herunterzuziehen, um Belästigungen zu verhindern. Außerdem heißt es im Koran, dass Männer keinen direkten Zutritt zu den Frauen des Propheten haben, sondern nur getrennt durch einen Hijab, also einen Vorhang, mit ihnen reden dürfen. Das scheint auch vielen Niqab - Trägerinnen, die befragt werden, bewusst zu sein. Noch einmal: Im Koran ( und auch in den Hadithen ) lässt sich keine Vorschrift finden, wie sich Frauen genau zu bedecken haben – weder von Kopftuch noch von Gesichtsschleier oder Burka ist die Rede!

  • Wofür ist die Burka ein Symbol?       Nach der islamischen Revolution im Iran und der Eroberung Afghanistans durch die Taliban wurde die islamische Bedeckung der Frauen zum politischen Symbol gegen die westliche Kultur. Seitdem setzt der Zwang zur Verhüllung in vielen islamischen Staaten die Frauen massivem Druck und Repressalien aus und wird auch in westeuropäischen Gesellschaften von islamistischen, also politischen, religiös verbrämten Strömungen als Statement genutzt. "Wer den Niqab akzeptiert, missachtet den Widerstand aller aufgeklärten Muslime gegen das Gift des politischen Islam", meint Tomas Avenarius hier
Hierzulande kommt der Symbolcharakter der Burka durchaus an, versteht frau ( und Mann oft auch ) es aber ganz, ganz anders, nämlich dass ein männliches Bedürfnis dahinter steckt, Frauen als verführerische Wesen zu neutralisieren, sie damit auf ihre Sexualität zu reduzieren ( die jüngst durch einen Iman wieder mal geforderte Beschneidung der Frauen, um ihre Sexualität einzuschränken, regt mich allerdings noch viel mehr auf ) und sie zu entmenschlichen, indem sie kein Gesicht mehr haben. 
Auch mir geht es beim Anblick dieser Frauen, wie es Sybille Berg hier ausgedrückt hat: "Als Angehörige der Spezies, zu der die Verhüllten vermutlich gehören - genau weiß man das ja nicht - wird mir ganz elend, wann immer ich vermummten Frauen begegne. Es zeigt mir, welchen Stellenwert Menschen wie mir, also ohne Penis, zugedacht wurde. Verhüllung ist ein Symbol für das, was falsch läuft auf der Welt. Menschen, die gleichberechtigt sein sollten, die dieselben intellektuellen Fähigkeiten haben, sind es nicht. Das diskriminiert mich, es nervt mich. Ich will das nicht sehen, nicht wissen." Und Susan Vahabzadeh schreibt hier: "Für Frauen wurden immer wieder Kleider erfunden, die ihre Bewegungsfreiheit einschränken. So eine Abaya verhüllt nicht nur, sie will auch dauernd sortiert und zusammengehalten werden, ihre Trägerin ist damit beschäftigt, angezogen zu bleiben. Das beraubt sie der Macht über ihren Körper." Dass Kleidung ein Weltbild übermittelt ist vielleicht einer Frau der Generation noch eher im Sinn, die sich in den späten 1960er Jahren das Tragen von Hosen in Schulen & anderen Institutionen mit viel Ärger & unangenehmen Gesprächen erkämpfen musste... 

  • Wie kompatibel ist die Burka und das Grundgesetz?       Ich finde, es war ein unglaublicher zivilisatorischer Fortschritt, als ins deutsche Grundgesetz der Passus aufgenommen wurde: "Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich. Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.“ Im Klartext heißt das nämlich, dass man den Islam mögen kann oder auch nicht, ich kann ihn als rückständig betrachten & Mohammed für - was weiß Gott - halten. Genau so kann man zum Katholizismus, Buddhismus, den Zeugen Jehovas, Mennoniten, Evangelikalen usw. stehen, den jeweiligen Glauben annehmen oder nicht - meinem Nachbarn kann ich aber nicht seinen Glauben nehmen. (  Übrigens erlaubt mir die Demokratie sogar, dass ich dieselbe ablehne. Nur die Demokratie selbst abzuschaffen - das erlaubt unser Grundgesetz mir nicht. )
Viele Muslimas, die das Kopftuch oder auch den Niqab hierzulande freiwillig tragen, tun es, weil es ihrem Verständnis nach zu ihrer Religion dazu gehört. Da fängt für mich die Sache aber an, schwierig zu werden - siehe Antwort zur zweiten Frage! Das Recht, auch dumme oder gar hirnrissige Überzeugungen zu haben, haben unsere Vorfahren allerdings blutig erstritten und ist für mich von daher höchst respektabel. Aus dem Auge sollte man aber auch nicht verlieren, dass der moderne Rechtsstaat, wie wir ihn derzeit genießen, gegen die Ansprüche der Religionen durchgesetzt worden ist...

Ich weiß auch nur zu gut aus eigener Erfahrung, wie - und wie fundiert - religiöse Anschauungen im Kindes- und Jugendalter manipulativ durchgesetzt werden, denn mir hatte man in den 1950er Jahren u.a. auch noch solche blödsinnigen Sachen beigebracht, wie "dass die Blitze nur bei den Evangelischen im Nachbarort einschlagen, denn uns Katholische schützt die Muttergottes." Daraus hat mich nur meine Fähigkeit, vieles genau zu beobachten & ein allgemein kritischer Geist, befreit.

Bleibt jetzt nur noch an dieser Stelle der Artikel eins des Grundgesetzes zu erwähnen: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Mir stellt sich die Frage, ob man von unangetasteter Würde der Frau reden kann, wenn diese durch den Niqab vom gesellschaftlichen Miteinander ausgeschlossen wird, sie zwar vorhanden ist, aber als Person nicht präsent sein darf & kann? Menschenwürde versus Religionsfreiheit? Und was hat das Niqab - Tragen noch mit Religionsfreiheit zu tun, wenn die Verhüllung ohnehin kein religiöses Gebot ist? Noch einmal Susan Vahabzadeh: "Wer ... glaubt, sie sei einfach nur Ausdruck religiöser Zugehörigkeit und habe nichts mit Unterdrückung zu tun, ist ganz und gar schiefgewickelt."

  • Warum jetzt ein Burkaverbot?          Bei der derzeitigen Diskussion um ein Burkaverbot handelt es sich meiner Meinung nach um bloßen Aktionismus. Das Verbot ist ein treffendes Beispiel für Symbolpolitik, denn im Lande geht die Angst vor dem weltweit zunehmenden Islamismus & seiner Terrorakte um, vor allem nach den Vorkommnissen der letzten Monate. Dagegen gibt es - zumindest keine kurzfristigen - politischen Konzepte, ein Verbot der Vollverschleierung ist dagegen schnell umsetzbar. Bislang ist hier bei uns in Europa aber kein Terrorakt von Frauen ausgegangen ( mit einer kleinen Ausnahme in Hannover ). Es waren immer junge Männer, manchmal vermummt, meist aber nicht, die die 278 Toten der vergangenen beiden Jahre hier in Europa auf dem Gewissen haben. Warum massregelt man dann die Frauen? Das erschließt sich mir überhaupt nicht. Es macht mir nur die Hilflosigkeit der Politiker deutlich und ihr Hinterherhecheln gegenüber vereinfachenden, populistischen Weltsichten. Mit dem Schleier in den Wahlkampf sozusagen...Ich wundere mich darüber, dass wir immer wieder darauf reinfallen, mich eingeschlossen.

Ich hoffe, ich habe mit meinen Überlegungen nicht genervt. Ich kam mir zweitwillig vor wie vor über 45 Jahren beim Sammeln von Argumenten für einen Besinnungsaufsatz. Schreiben als gesteigerte Form der Selbstvergewisserung sozusagen.

Vielleicht regt es die eine oder andere Leserin auch an zur differenzierten Beschäftigung...









* In diesen Ländern besteht ebenfalls die Pflicht zur Verhüllung: Jemen, Oman, Arabische Emirate, Gaza - Streifen, Afghanistan, Pakistan, Irak


     

Friday - Flowerday # 34/16

bietet allen, die Blumenschmuck lieben,
heute wieder ein Forum in ihrem Blog.


























"Schwachfilziger Sonnenhut"-
so der Name dieses hübschen, filigranen Blümchens. 
Oder auch: Rudbeckia subtomentosa 'Henry Eilers' .



























Bei fast 33 Grad am gestrigen Nachmittag
ist so eine Präriebewohnerin 
eine haltbare Alternative für die Vase.








Auch das Dickblattgewächs im Topf sollte die Hitze der nächsten Tage überstehen.

























Mein Begrüßungskomitee  in der letzten Augustwoche...



Bon week - end!


Donnerstag, 25. August 2016

Monatscollage August 2016






















Der August war noch nie mein Monat:
Die Mauersegler verlassen uns in wärmere Gefilde,
die Erntemilben piesacken einen im Garten
das Klima ist manches Mal noch heiß & drückend,
die schöne, freie Zeit der Sommerferien geht zu Ende
( und die megaanstrengende Schulanfangszeit raubte einst alle Erholung
innerhalb von acht Tagen )...

Gut,
letzteres muss ich auch in diesem Jahr nicht mehr erleiden.


Dafür haben mich die Tochter
und die beiden Enkelmädchen 
per Umzug in Richtung Süden verlassen,
und meine Mutter sich in sich selbst zurückgezogen.
Darüber trösten mich manchmal keine Sinnsprüche
à la "eine neue Tür wird aufgestoßen"
oder so ähnlich hinweg.
Doch so langsam taste ich mich auch an neue Perspektiven heran...







Alle Monatscollagen sammelt wieder Birgitt/Erfreulichkeiten.
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