Donnerstag, 4. Juni 2015

Great Women # 24: Omara Portuondo


Seit einiger Zeit stelle ich nun jeden Donnerstag ( mit Ausnahme des BIWYFI - Donnerstages ) eine neue, bemerkenswerte Frau vor, und euer Feedback zeigt mir, dass ihr ein ebensolches Vergnügen beim Lesen habt wie ich eines beim Recherchieren & Schreiben. Deshalb mache ich gerne weiter…


Frau K. liebt lateinamerikanische Musik von Kindesbeinen an, denn die hat sie schon damals durch ihren Vater, Schlagzeuger in einer Amateurtanzkapelle, kennengelernt. Diese Liebe wurde aufgefrischt durch brasilianische Freunde in den Sechzigern und vertieft durch eine Bildungsreise nach Kuba in den Siebzigern. Nur war diese Musik immer sehr von Männern dominiert, vor allem die in Kuba.

Da war ich doch erstaunt, dass in dem ganzen Buena- Vista- Social - Club - Hype der Neunziger Jahre auf einmal in der Riege alter Männer auch eine Frau auftauchte: Omara Portuondo.



Auf Ry Cooders Album "Buena Vista Social Club" von 1997 sang sie im Duett mit dem Gitarristen Compay Segundo den Maria - Teresa - Vera - Song "Veinte años". Aber so richtig fiel sie mir erst auf Ibrahim Ferrers Solo Debüt von 1999 auf:



Ein kubanischer Bolero vom Feinsten! Ich war beeindruckt…


Omara Portuondo Pelàez kommt am 29. Oktober 1930 im Viertel Cayo Hueso nahe der Universität von Havanna zur Welt. Ihre Eltern sind der erfolgreiche schwarze Baseballspieler Bartolomé Portuondo und seine Frau Esperanza Pelàez, aus einer reichen, spanischstämmigen Familie stammend, die die Wahl ihrer Tochter missbilligt, so dass sie mit Bartolomé "durchbrennt": Eine Ehe zwischen einer Weißen und einem Schwarzen verstößt gegen die damaligen Konventionen, denn im Kuba der Dreißiger Jahre herrscht strikte Rassentrennung. Die Eltern von Esperanza brechen deshalb auch den Kontakt mit ihrer Tochter gänzlich ab, so dass Omara ihre Großeltern nie kennenlernen wird.
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Beide Eltern teilen die Leidenschaft für den Gesang & treten in ihrem Viertel auch als Gesangsduett auf. Der Vater ist es auch, der sie und ihre ältere Schwester Haydee im Gesang ausbildet, denn das Geld zum Besuch eines Konservatoriums ist in der Familie nicht vorhanden. "Meine Eltern hatten früh unser künstlerisches Talent entdeckt und uns so gut es ging gefördert", erinnert sich Omara Portuondo an ihre Kindheit.

Als Fünfzehnjährige tritt Omara zusammen mit ihrer Schwester im berühmten "Tropicana" als Tänzerin auf. Der blinde Pianist Frank Emilio Flynn wird auf sie aufmerksam und fördert sie. Gemeinsam mit Flynn, Cesar Portillo de la Luz und José Antonio Mendez treten sie ab 1947 als "Los Loquibambia" auf und verschaffen einer neuen Musikrichtung zum Durchbruch - dem "Filin": Lieder des Gefühls. Das Wort stammt vom englischen "feeling" ab, und der Musikstil ist beeinflusst vom Jazz, dem Bolero und der kubanischen Trova.

Von 1952 bis 1953 singt Omara für das Orquesta Anacaona, das nur aus Frauen besteht, und später im gleichen Jahr bildet sie mit Elena Burke, Moraima Secada und ihrer Schwester Haydee das "Cuarteto d’Aida" unter der Leitung der Pianistin Aida Diestro: 

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Die Gruppe ist sehr erfolgreich, tourt durch die Vereinigten Staaten und tritt mit Nat King Cole im "Tropicana" auf und bringt ein Album bei RCA Victor heraus:

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1959, im Jahr der kubanischen Revolution, veröffentlicht Omara sogar ein Solo - Album: "Magia Negra". Anlässlich eines Konzertes des Quartetts 1961 in Miami entscheidet sich die Schwester Haydee, in den USA zu bleiben, was für Omara ein schwerer Schlag ist, den sie aber respektiert. "Der Kontakt ist nie abgerissen und wir telefonieren miteinander", sagt sie.




Auch Omara verlässt 1967 das Quartett und wandelt solo als Vertreterin Kubas auf den Bühnen sämtlicher internationaler Gesangswettbewerbe sozialistischer Staaten. Hier ist sie beim ersten Festival von Varadero zu sehen:

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Daran nehmen auch ( Kuriosität am Rande ) bei uns eher verschrieene Sänger wie Karel Gott, Costa Cordalis, Dorthe Kollo & die spanischen "Los Bravos" teil...

Omara gilt bereits in den Siebzigern & Achtzigern als die beste Sängerin von Balladen & Boleros in Kuba und wird verglichen mit Billie Holliday oder Edith Piaf.
Als "lebende Legende" ist sie 1983 Gegenstand eines Dokumentarfilmes von Fernando Pérez Valdés, der eine Auszeichnung bei den Filmfestspielen von Cannes 1986 erhält.

Sie tourt mit dem Orquesta Aragón, nimmt Titel mit der damals berühmtesten kubanischen Gruppe Los Van Van  oder mit der brasilianischen Sängerin Maria Bethania  auf, übernimmt Filmrollen & hat ihre eigene TV - Serie - in der westlichen Welt hingegen bleibt sie weitgehend eine Unbekannte. Das erspart ihr einen Starkult, wie er bei uns üblich ist, und lässt ihr ein Privatleben. Von dem ist nur bekannt, dass sie geschieden ist, einen Sohn und eine Enkelin hat.

1996 nimmt sie in den Havanna Studios neue Titel auf, zufällig zur gleichen Zeit, in der Ry Cooder die berühmte "Buena Vista Social Club" - CD produziert. Er bittet Omara, "Veinte años" zu singen - alles andere dürfte bekannt sein:

1996 mit Ibrahim Ferrer
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Der CD ist ein fulminanter, nicht vorhersehbarer Erfolg in den Vereinigten Staaten und in Europa beschieden. Sie wird mehr als 8 Millionen Mal verkauft und erweckt das Interesse an der kubanischen Musik aufs Neue. Seit 1997 ist das Orquesta Buena Vista Social Club unterwegs auf Tournee, Omara die einzige Frau unter lauter Männern:

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1999 habe ich sie zum ersten Mal bei ihrem Konzert im Theater der Stadt Köln erlebt. Das ist auch das Jahr, in dem der gleichnamige Dokumentarfilm von Wim Wenders herauskommt und das Fieber weiter befeuert.

Im Gegensatz zu den anderen Interpreten auf dem Album/ im Orchester, ist Omara Portuondo die einzige mit einer ununterbrochenen Karriere von über fünfzig Jahren. Nun gewinnt sie Fans in der westlichen Hemisphäre hinzu. Sie ist - wie ihre männlichen Mitstreiter  - so erfrischend anders als die im Westen üblichen Stars, kein Produkt, sondern eine eigenständige Persönlichkeit. "Ich stamme aus einer anderen Epoche", sagt sie einmal in einem Interview.

2003
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2000 bringt Ry Cooder ein Solo- Album - "Buena Vista Social Club Presents Omara Portuondo"- mit ihr heraus, 2004 "Flor de Amor". Hier exemplarisch der son montuno "No me llores más" aus dem ersten Album mit dem einzigartigen, unvergessenen Ruben González am Piano:



2004  nominiert sie das Internationale Rote Kreuz in Montreal zur Internationalen Botschafterin, der ersten kubanischen überhaupt.

Im Juli 2005 präsentiert sie während eines Sinfoniekonzertes beim Berliner "Classic Open Air" am Gendarmenmarkt ihr Repertoire. Das gesamte Programm wird von Roberto Sánchez Ferrer als Dirigent & Pianist begleitet, mit dem sie schon während ihrer ersten Jahre in Tropicana Club von Havanna gearbeitet hat.  2007 tritt sie beim Montreal Jazz Festival auf:



Im gleichen Jahr wird ihr die Titelrolle in Alfonso Lizas Tanzmusical "Vida" anvertraut, der Geschichte des modernen Kuba mit den Augen und Erinnerungen einer alten Frau.

2009 wird für das Album „Gracias“ der Preis für das "Best Contemporary Tropical Album" verliehen.  Schon 2008 hatte sie den "Premio Música Brasileira" und 2005 den Billboard Latin Music Award erhalten.

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Zur Zeit befindet sich Omara Portuondo mit dem Orquesta Buena Vista Social Club auf Abschiedstournee, denn am 30. August 2015 soll mit einem letzten Konzert in Kennett Square, Pennsylvania, endgültig Schluss sein. Sie wird dann knapp 85 Jahre alt sein und seit 70 Jahren auf der Bühne stehen - da kann sich Mick Jagger noch eine Scheibe abschneiden!

"Meine Karriere hat eigentlich schon mit meiner Geburt begonnen. Das Gefühl für die Musik wurde mir in die Wiege gelegt. Irgendwann stellten meine Eltern schliesslich fest, dass ich das Zeug dazu hätte, professionelle Musikerin zu werden." Und immer noch hat sie furchtbare Angst vor Leuten zu singen, gestand sie in einem Interview. "Sie mussten mich richtiggehend davon überzeugen, bis ich bereit war, aufzutreten: "Du wirst einmal eine grosse Künstlerin, du wirst dein Land, deine Kultur repräsentieren." Noch heute habe ich wahnsinniges Lampenfieber, nur dass es niemand bemerkt. (kichert) Wenn ich auf der Bühne stehe, bin ich diese Figur Omara Portuondo, die bekannte Sängerin, und wenn ich dann die Beziehung zum Publikum spüre, diese Freude – ayy, wie wunderbar."


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Und zu ihrem Leben im Alter: "Ich glaube, ich bin immer noch ein Kind. Die Zukunft ist für mich der morgige Tag. In meinem Alter kann ich nicht weiterdenken. Ich nehme das Leben, wie es kommt." Und:…"mir gefällt was ich tue. Das ist mein grosses Glück."

Noch so ein "role model" fürs Alter, wie ich es schon hier gefunden habe. Und endlich mal eine tolle, erfolgreiche Sängerin, die solch ein hohes Alter erreicht hat!








Bei Susi/Mrs. Columbo könnt ihr heute über eine weitere großartige Frau - Billie Holiday - lesen. Schaut mal bei ihr vorbei!

Kommentare:

  1. Was für eine Frau! Auch wenn Jagger sich eine Scheibe abschneiden sollte, reicht er nicht an sie heran. Sie hat sich entwickelt, Jagger ist stehen geblieben und macht was er macht...
    Toller Bericht,
    Andrea

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  2. Ach, wie passend, habe ich doch gestern noch einmal den Film geguckt/gehört....
    Schön, dass ich hier bei dir Hintergrundinformationen finden kann - Danke
    Sonnige Grüße
    Christine

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  3. Oh Astrid, die CDs habe ich auch alle, den Film gesehen und mitgesungen. Wunderbar! Danke, dass du mich daran erinnerst. Ich muss sie glatt mal auf legen.
    Gros bisou
    Sandra

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  4. Was für eine Frau, was für eine Musik. Die verzaubert heute noch weiter meinen Feiertag (mit kubanischen Temperaturen....)
    Liebe Grüße
    Andrea

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  5. Was für eine Frau...was für ein Portrait...wie immer in diesem Falle kannte ich diese Sängerin noch nicht, danke für die Erweiterung meines Horizontes...;-). LG Lotta...also DIE Lotta...die derzeit auf Arbeit ist...;-)

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  6. Ach Astrid, was für eine bemerkenswerte Frau und Künstlerin! ♥ Kam mir der Name auch gleich zu Anfang so bekannt vor... eben, ich habe die CD mit Buena Vista Social Club und finde sie so klasse!!
    Allerliebste Grüße
    Christel

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  7. Liebe Andrea, Christine, Sandra, Andrea, Lotta & Christel, es freut mich sehr, dass euch diese Art von Musik gefällt. Das Richtige für einen Feiertag!
    GLG

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  8. Sie strahlt auf dem letzten Foto so eine Zuversicht aus!

    ♥ Franka

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  9. Hallo Astrid, da bin ich mal wieder mit einem Kommentar bei dir dabei ;-). Fantastische Wahl! Ich kenne und liebe Omara -> einige Platten zählen zu den meinigen. Schön hast du ihre Lebensgeschichte aufgeführt und im Hintergrund läuft Buena Vista Social Club.
    Eine gute Zeit und viele Grüße
    Chistin

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  10. Liebe Astrid,
    auch mir gefällt diese Art von Musik.
    Auf Cuba habe ich ihre Musik kennengelernt - sie hat mir sofort gefallen.
    Danke, dass du sie uns nahegebracht hast. Sie hat es verdient.
    Liebe Grüße schickt Dir
    Irmi

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  11. eine sehr interessante frau und tolle musik!!!
    ich hab heute meinen schon lange vorbereiteten post über billie holiday veröffentlicht, passt ganz gut dazu, finde ich. klick
    lieben gruß, susi

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  12. dieses letzte zitat ist großartig! ich halte mich dran!!
    eine ganz wunderbare frau und künstlerin, die du mir mit deinem beitrag hier nahe gebracht hast! wie gut, dass es deine serie gibt!
    herzliche grüße, mano

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  13. Ich sitze hier und heule...., mein Bruder schenkte mir vor vielen Jahren die erste CD von Buena Vista Social Club..., so viele Erinnerungen, so einfühlsame zu Herzen gehende Musik von ebensolchen Menschen..., eine großartige Frau. Nicht zu fassen, dass sie noch immer singt und noch immer eine solche eindrucksvolle Stimme hat... Mögen wir auch so - in unserer Weise - alt werden können.... Lieben Gruß Ghislana

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  14. Erst jetzt entdecke ich deinen wunderbaren Post über diese großartige Frau, die ich sehr verehre. Wegen des Films Buena Vista Social Club bin ich damals nach Kuba gereist, aber vor allem wegen Omara Portuondo. Und ja, zumindest 2001 war davon auch noch viel zu spüren in Havanna. Live erlebt habe ich sie aber erst im Jahr darauf, als sie auf Deutschland-Tournee war - und das war ein einschneidendes Erlebnis. Vor allem festzustellen, dass eine Frau, die nach unseren Maßstäben alt ist, so unglaublich lebendig, leidenschaftlich und sexy sein kann, dass es allen Menschen im Saal den Atem verschlagen hat.
    Ich liebe ihr "Besa be mucho" heute noch und kann es mir problemlos 5x hineinander anhören.

    LG, Katja

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