Donnerstag, 1. Juni 2017

Great Women # 102: Anna Seghers


Es gibt kein Buch, nach dessen Lektüre ich sämtliche Schauplätze aufsuchen musste. Einzige Ausnahme: 

Heute vor 34 Jahren ist die Autorin des Buches, Anna Seghers, in Ost - Berlin gestorben.


Am 19. November 1900 ist Anna Seghers unter dem Namen Netty Reiling in Mainz zur Welt gekommen. Ihr Vater Isidor Reiling betreibt zusammen mit seinem Bruder Hermann eine international erfolgreiche Kunst- und Antiquitätenhandlung am Mainzer Flachsmarkt und ist Kustos der Kunstschätze des Mainzer Doms. Ihre Mutter Hedwig Fuld stammt aus einer angesehenen Frankfurter Kaufmannsfamilie. Beide Eltern gehören dem orthodoxen Judentum an, und Isidor Reiling ist an der Finanzierung des Synagogenneubaus in der Flachsmarktstraße beteiligt. Die Mutter engagiert sich in ehrenamtlichen Projekten und hat den Jüdischen Frauenbund der Stadt mitbegründet.
Anna, ihre einzige Tochter, wächst behütet im orthodoxen Glauben auf.  Das Kind ist oft krank, und deshalb werden mit ihr oft Reisen zum Meer und zu Heilbädern unternommen ( ihre lebenslange Liebe zum Reisen und zum Wasser führt man später darauf zurück ).
"Als kleines Kind, als ganz kleines Kind, bevor ich in die Schule kam und im ersten Jahr, in dem ich in die Schule ging, war ich oft krank, und dabei lernte ich verhältnismässig früh lesen und dadurch auch schreiben. Und dann erfand ich, hauptsächlich weil ich allein war und mir eine Umwelt machen wollte, alle möglichen kleinen Geschichten, die ich mir vorerzählte, und manchmal schrieb ich auch drei Sätze, sozusagen zu Abziehbildern."
Ab 1907 besucht sie eine Privatschule und danach die höhere Mädchenschule in Mainz. Durch christliche Freunde und die katholische Atmosphäre ihrer Heimatstadt Mainz, dominiert von der Kathedrale, wird sie vertraut mit christlichen Motiven, und eine lutherische Bibel scheint eines ihrer Lieblingsbücher zu  sein ( das abgegriffene Buch befindet sich heute noch in ihrem Arbeitszimmer in Berlin - Adlershof ).

Durch den Ersten Weltkrieg wird ihre schulische Ausbildung dann unterbrochen, und sie leistet Kriegshilfsdienst. Diese Kriegsjahre mit den damit verbundenen sozialen Umwälzungen und Krisen formen das junge Mädchen. Obwohl ihre eigene materielle Existenz nicht stark betroffen ist, reagiert sie sensibel auf die Veränderungen um sie herum. Den damals vorherrschenden Chauvinismus lehnt sie ab. 1917 kehrt sie zum Unterricht zurück, diesmal ans Gymnasium. In dieser Zeit liest sie Werke von Heinrich Heine, Georg Büchner, Balzac, Schiller, Tolstoj und Dostojevskij, um nur einige zu erwähnen. Solche Lektüre öffnet ihr die Tür zu den unbekannten Welten, nach denen sie sich sehnt.

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1920, nach erfolgtem Abitur, nimmt sie ein Studium der Kunstgeschichte, Geschichte, Sinologie und Philologie zuerst in Köln, und dann Heidelberg auf. Dort promoviert sie 1924 über "Jude und Judentum im Werk Rembrandts". In der Weihnachtsausgabe der Frankfurter Zeitung und Handelsblatt erscheint "Die Toten auf der Insel Djal. Eine Sage aus dem Holländischen, nacherzählt von Antje Seghers".

In Heidelberg ist sie auch erstmals László Rádványi ( auch Johann Lorenz Schmidt ), ihrem zukünftigen Ehemann, begegnet, einem ungarischen Juden, Teilnehmer von Georg Lukáçs "Sonntagskreis", der nach dem Sturz der Räterepublik aus seinem Heimatland geflohen ist und in Heidelberg u.a. Volkswirtschaft & Soziologie studiert und dort promoviert. Anna heiratet László am 20. August 1925 - nur mit widerwilliger Zustimmung ihrer Eltern: Die Mutter ist seinerzeit noch durch einen jüdischen Heiratsvermittler mit ihrem Mann verbunden worden!

Sie geht mit ihrem Mann nach Berlin, wo der -  seit 1925 Mitglied der Deutschen Kommunistischen Partei - als Ökonom an der sowjetischen Handelsvertretung in Berlin angestellt wird.

Anna arbeitet nicht als Kunsthistorikerin, behält aber ein lebenslanges Interesse an der Kunst, das ihr Schreiben auch beeinflusst. Ihre Erzählung "Grubetsch", veröffentlicht in der Frankfurter Zeitung 1927, erscheint unter dem Pseudonym Seghers ohne Vornamen. Wahrscheinlich hat sie diesen Namen vom Maler Hercules Seghers, einem Zeitgenossen Rembrandts, "entlehnt". Seit 1924 schreibt sie stetig.

Mit ihren Kindern
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1926 bringt sie einen Sohn, Peter, zur Welt. 1928 wird nicht nur die Tochter Ruth geboren, es erscheint auch ihr erstes Buch "Aufstand der Fischer von St. Barbara", für das sie den prestigeträchtigen Kleist-Preis verliehen bekommt, und sie tritt in die Deutsche Kommunistische Partei ein.

Hans Henny Jahnn spricht bei der Verleihung des Kleistpreises von der "großen Klarheit und Einfachheit der Satz- und Wortprägung", und vom "mitschwingenden Unterton sinnlicher Vieldeutigkeit" und "einer leuchtenden Flamme der Menschlichkeit". ( Die Erzählung wird 1934 dann von Erwin Piscator in der Sowjetunion verfilmt werden. )

Ab 1929 arbeitet sie mit im "Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller" (BPRS).

"Man hat uns nun einmal von klein auf angewöhnt, statt uns der Zeit demütig zu ergeben, sie auf irgendeine Weise zu bewältigen", wird sie später in ihrer einzigen, offen autobiographischen Erzählung "Der Ausflug der toten Mädchen" schreiben und auf ihren anti - bürgerlichen Grundimpuls hinweisen, als politisch engagierte Schriftstellerin das Leben der Menschen mitzugestalten, vor allem das der Außenseiter, der Armen und Entrechteten. Trotz ihres politischen Impetus vernachlässigt Anna Seghers aber nie ihre poetischen Qualitäten und wird Zeit ihres Lebens die Kunst und die notwendige Freiheit des künstlerischen Ausdrucks gegenüber ihrer Partei verteidigen.

1930 besucht sie zum ersten Mal die Sowjetunion. Mit ihrem Bekenntnis zum Kommunismus ist die Schriftstellerin in jenen letzten Jahren der Weimarer Republik keine Ausnahme. Viele gebildete, bürgerliche Deutsche sehen in der immer sichtbarer werdenden Massenverelendung in den westlichen Industriestaaten, die mit dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 1929 dramatische Ausmaße angenommen hat, das Versagen des kapitalistischen Systems. 1932 verlassen Anna und ihr Mann dann auch offiziell die jüdische Gemeinde.

Es ist das Jahr, in dem sie mit der Veröffentlichung des Romans "Die Gefährten" vor dem drohenden Faschismus in Deutschland aufmerksam macht - ihrem politisch und stilistisch avantgardistischstem Werk, inspiriert von John Dos Passos & Alfred Döblin, aber auch Trotzkischer Ideen. Der Stoff des Romans greift auf Annas Erfahrungen mit osteuropäischen Emigranten während ihrer Studienzeit zurück.

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Mit der Machtergreifung der Nazis ist Anna als Jüdin & Kommunistin doppelt gefährdet. Sie wird von der Gestapo vernommen und kurzzeitig verhaftet und emigriert mit ihrer Familie über die Schweiz nach Frankreich.

Dort im Exil arbeitet sie ( in der dezentralisierten Redaktion zusammen mit Wieland Herzfelde, Oskar Maria Graf u.a. ) mit an der antifaschistischen Exilzeitschrift "Neue Deutsche Blätter", die von 1933 bis 1935 in Prag herausgegeben wird. Ihr publizistischer Einsatz ist nun ganz dem Kampf gegen den Nationalsozialismus in Deutschland gewidmet.

Auch literarisch wendet sie sich mit dem Roman "Der Kopflohn. Roman aus einem deutschen Dorf im Spätsommer 1932", der 1933 herauskommt, einem nationalen Thema zu.
1937 nimmt sie am II. Internationalen Schriftstellerkongress in Madrid teil.

Nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges wird ihr Mann László durch die französische Regierung in Südfrankreich interniert. Sie selbst taucht mit ihren Kindern mehrere Monate in Paris in die Illegalität ab, bevor sie mit Hilfe von Jeanne Stern ins unbesetzte Südfrankreich, nach Pamiers und Marseille, fliehen kann. Von dort aus erkämpft sie die Entlassung ihres Mannes.
Zuhause in Mainz wird am 8. März 1940 das Geschäft ihres Vaters zwangsarisiert. Zwei Tage später stirbt Isidor Reiling an den Folgen eines Schlaganfalls. Er erlebt nicht mehr die Unterbringung seiner Frau in einem sog. Judenhaus in der Taunusstraße und ihren entwürdigenden Abtransport am 20. März 1942 zusammen mit 450 weiteren Mainzer Juden ins Lager Piaski bei Lublin. Dort trifft sie zehn Tage später ein, dann verliert sich die Spur der 62jährigen. Anna hat vorher vergeblich versucht gehabt, sie aus Deutschland  zu bringen.
Sie selbst setzt 1941 ihre Flucht über Martinique, Santo Domingo, Ellis Island/New York nach Veracruz und schließlich nach Mexiko City fort. "Dieses seltsame Land", wie sie es nennt, ist für viele linksgerichtete Intellektuelle einer der wenigen Zufluchtsorte, weil andere Staaten ihnen die Einreise verwehren ( siehe auch dieser Post ).

Ihr Mann wird Professor an der Arbeiter-Universität Mexiko ( ab 1944 auch an der Nationaluniversität), sie Präsidentin des Heinrich-Heine-Clubs & Mitherausgeberin der Zeitschrift "Freies Deutschland", die ab 1942 erscheint. Der Roman "Das siebte Kreuz" erscheint ebenfalls 1942.

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Mit dem Symbol des siebten Kreuzes verbindet sie den Untergang des Nationalsozialismus. Ihre Vertrautheit mit dem christlichem Gedankengut aus Mainzer Kindertagen ist vor allem in diesem Roman festzustellen. Bewusst bezieht sie diese christliche Symbolik mit ein als Ausdruck für moralische Werte, denn von der alten, traditionellen, humanistischen Bildung ist unter der Ideologie des Nationalsozialismus im Bewusstsein der Menschen nicht mehr viel vorhanden.  ( Für das "Das siebte Kreuz" bekommt sie 1947 den Büchner-Preis. ) 1944 verfilmt Fred Zinnemann das Buch. Der Erfolg von beidem macht Anna Seghers weltberühmt und sichert erst einmal ihren Lebensunterhalt. Auf dem Gebiet der Bundesrepublik  erscheint das Buch 1948 als Rowohlts Rotatations-Roman und dann erst wieder 1962 im Luchterhand Verlag.

Nach ihrem Unfall in Mexiko
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Am 25. Juni 1943 erleidet Anna einen schweren Verkehrsunfall, der einen langen Krankenhausaufenthalt nach sich zieht. Während der Rekonvaleszens arbeitet sie an "Der Ausflug der toten Mädchen und andere Erzählungen" ( 1946 veröffentlicht ), einem der seltenen Texte, in dem man etwas über sie persönlich ablesen kann.

1944 erscheint "Transit": "Damals hatten alle nur einen einzigen Wunsch: abfahren. Alle hatten nur eine einzige Furcht: zurückbleiben", schreibt sie über die, die vor den Nationalsozialisten auf der Flucht sind und sich in Paris oder der Mittelmeerstadt Sanary-sur-Mer in Sicherheit wähnten, bis Hitlers Truppen Paris im Sommer 1940 einnehmen. Der Roman erscheint in englischer & spanischer Sprache ( auf Deutsch erst 1948 ).

Kurz nach ihrer Rückkehr nach Berlin
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Zwei Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkrieges nimmt Anna Seghers die mexikanische Staatsbürgerschaft an, reist dann aber über New York, Stockholm und Paris nach Europa zurück, wo ihre Kinder bereits leben ( Peter seit 1945, Ruth seit 1946 in Paris ). Am 22. April 1947 kommt sie dann in Berlin an. Im Rückblick nennt sie ihre Jahre im mexikanischen Exil die schönsten und wichtigsten ihres Lebens.

Das Heimatland kommt ihr "ganz beklemmend und ganz unwahrscheinlich frostig" vor. Noch 1948 schreibt sie an Georg Lukács : "Ich habe das Gefühl, ich bin in die Eiszeit geraten, so kalt kommt mir alles vor..."

Sie lebt zunächst in Berlin - Wannsee, wird aber Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ). Auf dem 1. Deutschen Schriftstellerkongress Anfang Oktober spricht sie - viel beachtet - über den Schriftsteller und die geistige Freiheit. 1948 wird sie Vizepräsidentin des "Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands". Sie gehört einer Delegation von Künstlern an, die 1948 in die Sowjetunion reist. Im August ist sie dann auf dem Weltkongress der Intellektuellen in Wroclaw, der den Auftakt der Nachkriegs-Friedensbewegung bildet.

1950 zieht sie nach Ost - Berlin in eine Mietwohnung. Vermutlich kehrt sie auch deshalb in den östlichen Teil Deutschlands zurück, weil sie von den westlichen Alliierten als Exilantin nur Ablehnung erfahren hat. Ihr Mann kommt erst 1952 aus dem Exil zurück, nimmt eine Stelle an der Humboldt-Universität als Dozent für politischen Ökonomie an und bringt noch eine Nebenfrau mit ( hinter Annas Rücken bezeichnet man ihn als ihr "achtes Kreuz" ), was von ihr toleriert wird. Voller Selbstdisziplin agiert sie in der Öffentlichkeit wie in der Familie.

Ihre politische Mission gibt ihr großen Halt. Über Kontinente und Epochen hinweg sieht sich Anna als, "Gedächtnis der Revolution" und will sowohl "Die Kraft der Schwachen" als auch "Die Unzerstörbarkeit des Humanen" bezeugen. Sie wird eine öffentliche Person und kann 1951 nach China und später nach Brasilien reisen.

1955, nach einem längeren Krankenhausaufenthalt,  bezieht sie mit ihrem Mann die Wohnung in der Volkswohlstraße 81 in Berlin-Adlershof, wo sie bis zu ihrem Lebensende wohnen bleiben wird ( heute Seghers-Gedenkstätte in der heutigen Anna-Seghers-Straße ).



Als im Herbst 1956 sowjetische Panzer durch die Straßen von Budapest rollen und den Versuch der Ungarn, sich vom sowjetischen Einfluss zu befreien, niederschlagen, gehen viele westliche Intellektuelle zur Sowjetunion auf Distanz- die weltberühmte Schriftstellerin Anna Seghers jedoch bekennt sich nach wie vor zur Sowjetunion, zur Partei, zur DDR, so wie sie es schon nach dem 17. Juni 1953 getan hat ( und wie sie es am Tag des Mauerbaus von 1961, beim "Prager Frühling" von 1968, bei der heftigen DDR-internen Debatte um die Biermann-Ausweisung tun wird ).

Warum sie schweigt und so uneingeschränkt loyal bleibt gegenüber ihrem Staat, darüber kann man nur spekulieren. Sie sagt einmal, darauf angesprochen: "Weil ich hier die Resonanz haben kann, die sich ein Schriftsteller wünscht...weil ich hier ausdrücken kann, wozu ich gelebt habe." Als Präsidentin des Schriftstellerverbands versucht sie auf die Partei- und Staatsführung mäßigend zu wirken - ansonsten hat sie den Ruf, die "schöne Anna" schweige und lächle.

Einen modifizierten Blick auf das Innenleben der Schriftstellerin bekommt man, wenn man ihre in den Monaten nach dem Ungarnaufstand geschriebene, unvollendet gebliebene Erzählung "Der gerechte Richter", liest, deren Fragment erst 1990 veröffentlicht wird. Der Text hat einen starken biografischen Bezug und man fragt sich, hat Anna Seghers zu jener Zeit doch schon die Wahrheit über die DDR - Herrschaft erkannt und den Machtmissbrauch der DDR-Obrigkeit literarisch verarbeitet, indem sie die Geschichte eines DDR-Richters geschrieben hat, der sich dagegen wehrt, Handlanger der Mächtigen in einem Schauprozess zu werden?

1966
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Auch wird erst später bekannt, dass sie sich schon 1957 für ihren Verleger Walter Janka bei Walter Ulbricht eingesetzt hat, der der konterrevolutionären Verschwörung angeklagt und letztendlich unschuldig zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt wird. Auch für den verfolgten Schriftsteller und späteren Nobelpreisträger von 1970, Alexander Solschenizyn, macht sie sich stark. Beim Ausschluss von Heiner Müller aus dem Schriftstellerverband 1961 und bei der Ausbürgerung von Wolf Biermann 1976 bleibt Anna nach außen auf Parteilinie, sie duldet Unrecht gegenüber einzelnen und widerspricht nur leise, scheint sie doch den Eindruck zu haben, es gehe um die große Sache und um soziale Gerechtigkeit für alle.

Tatsächlich haben die Stasispitzel damals eine "empörte Haltung der Seghers zugunsten des Janka" notiert. Nach der Wende wird offensichtlich, dass die DDR-Herrscher der Schriftstellerin misstraut haben: Eine 500-seitige Akte der Gauck-Behörde malt ein Bild von der überzeugten Kommunistin, die sich aber auch traut, vor versammeltem Politbüropublikum den "schönen Worten" Ulbrichts zu ihrem 65. Geburtstag die Aufrichtigkeit abzusprechen. So eine wird genau im Auge behalten ( das FBI sah das übrigens auch so ).

In ihrer letzten Schaffensphase ab 1970 hat sie nicht mehr über die DDR geschrieben, sondern über romanische Länder, so in "Karibische Geschichten", oder über imaginäre Begegnungen mit Schriftstellerkollegen vergangener Zeiten. Man glaubt desillusionierte Töne herauszuhören. Schwierig bleiben aber all diese Interpretationen, da Anna zeitlebens das Versteckspiel geliebt und sich nicht hinter die Maske hat schauen lassen. Sie wird von Freunden als scheue, kluge, humorvolle, sich in einer Männerwelt erfolgreich durchsetzende Schriftstellerin beschrieben, die immer von Gerechtigkeit und Frieden geträumt hat und der das über alles geht. Sie hat danach gearbeitet bis zum Schluss, auch, um für die Erfahrungen ihrer friedlosen Lebensepoche eine angemessene Kunst zu gewinnen.

In den letzten Jahren ihres Lebens fühlte sich Anna Seghers mehr und mehr vom Zerfall ihres Körpers beeinträchtigt. Sie zieht sich immer mehr zurück, besonders nach dem Tod ihres Mannes 1978. Jährliche Krankenhausaufenthalte sind notwendig.

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1981 wird ihr ( zusammen mit Marc Chagall ) die Ehrenbürgerwürde der Stadt Mainz verliehen. Der damalige Kulturdezernent Anton Maria Keim, der mit ihr im Briefkontakt gestanden hat, hat gegen den heftigen Widerstand der CDU darum gerungen. 

Nach kaum unterbrochenen Krankenhausaufenthalten ab 1982 stirbt Anna Seghers am 1. Juni 1983 in Ost-Berlin. Sie ist auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin beigesetzt.


"Vieles im Werk und Schaffen von Anna Seghers ist sicher noch zu entdecken und aufzuarbeiten, insbesondere ihre früheren Texte und Exilromane, die bestimmt sind von der Hoffnung auf Rettung humaner Lebensformen. Doch soviel ist sicher, der Dialog mit dem Werk von Anna Seghers lohnt sich heute mehr denn je, zudem ist er wichtig und aktuell wie nie zuvor", schreibt Ursula Homann hier.

Da ich das ebenso sehe, habe ich sie für mein heutiges Porträt ausgesucht - eine umfassende Werkausgabe, im Berliner Aufbau Verlag seit 2000 in Arbeit, steht für die Entdeckungen zur Verfügung.







Heute wäre übrigens eine andere deutsche Schriftstellerin, Ruth Rehmann, 95 Jahre alt geworden. Mein Beitrag über sie ist hier zu finden.

Kommentare:

  1. Liebe Astrid, das ist mehr als Erinnerung für mich. 1969 schrieb ich mein Abitur in Deutsch zum "Siebten Kreuz", später habe ich selbst viel über Anna Seghers in den Unterricht integrieren können (mehr und anderes, als der Lerplan forderte). Sie ist eine der großen Schrifstellerinnen ihrer Zeit, unbestritten. Und das trotz der teilweisen in der Außensicht Zwiespältigkeit ihrer politischen Haltung. Wer in der DDR gelebt hat, kannte den Balanceakt, den gerade erfolgreiche Künstler zu bestehen hatten.Und sie hat sich nie verkauft für Bares oder Ehren einer Professur in Amerika, wie hochdotierte und gefeierte andere. Vor einigen Jahren hatte ich das Glück einen sehr guten Vortragsabend ihres Sohnes in Meiningen zu erleben, der vieles offenlegte, wovon vorher keiner wusste. Auf jeden Fall sollte man auch heute noch ihre Werke lesen. Danke für diese Erinnerung, Sunni

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  2. Ihr Grab habe ich besucht am wunderschönen Dorotheenstädtischen Friedhof. Aber ich habe noch nie ein Buch von ihr gelesen. Sie ist mir mit einem Text kürzlich in München bei der öffentlichen Lesung der verbrannten Autoren begegnet und nun heute bei Dir.
    Eine beeindruckende Frau, gerade, weil sie auch immer ihre "Maske" trug. Ich fremdelte immer etwas mit ihr, vielleicht lese ich aber nun doch mal etwas von ihr.
    Danke für Deine gründliche Recherche und differenzierte Vorstellung dieser Autorin, sagt Sieglinde.

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  3. in der DDR kam man für weniger in den knast (oder es wurde einem das leben gründlich verdorben durch berufsverbote/exmatrikulation etc.) als ulbricht unaufrichtigkeit vorzuwerfen..... sie hat vll. auch einfach ihre ruhe haben wollen nach jahren auf der flucht und nicht mehr die jüngste. und ja - verlegt zu werden und solch sozial abgesichertes leben - wie es nur in der DDR möglich war - leben, das lässt einen auch schonmal die klappe halten.
    ich wusste auch immer ganz genau wie weit man es treiben konnte mit der kritik am soz. system - in die fänge der stasi zu geraten war kein spass.......
    ihre werke haben wir natürlich in der schule gelesen :-)
    xxxx

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  4. Liebe Astrid, sehr berührende Frauenschicksale stellst Du hier vor. Ich werde sehr demütig beim lesen.
    Von Herzen
    Susanne

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  5. Danke für die interessante Biographie, die wieder unbekannte Einblicke eröffnete.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  6. Wieder sehr interessant bei Dir. Ich hatte immer Schwierigkeiten mit ihr, weil ich bei so einer intelligenten Frau diese "leise" Haltung nicht nachvollziehen kann. Danke für Deinen Bericht.
    LG
    Magdalena

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  7. Anna Seghers war meiner (österreichischen) Lokalzeitung heute immerhin auch eine kurze Rubrik mit der Wiedergabe einer kleinen Anekdote wert. Hier nun sehr viel umfassender und ausführlicher und wie immer bestens recherchiert, vielen Dank Astrid. lg heike

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  8. Auch wieder ein beeindruckendes Frauenschicksal liebe Astrid! ♥
    Danke!
    Liebste Grüße
    Christel

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  9. Liebe Astrid
    Wieder ein wundervolles Porträt über eine interessante Frau. Du gibst dir immer so viel Mühe - danke dir ganz herzlich dafür.
    Liebe Grüsse
    Barbara

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  10. Lieve Astrid, dit is nieuw voor mij. Lieber Astrid, das ist neu für mich. Danke!

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  11. ...eine Frau, die mir schon seit Schultagen bekannt ist, liebe Astrid,
    was nicht heißt, dass ich dies alles über sie wußte...danke für dieses interessante Portrait,

    liebe Grüße Birgitt

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    1. An ihr merkt man, wer im Westen und wer im Osten zur Schule gegangen ist. Das "Siebte Kreuz" habe ich erst als Studentin bei der Beschäftigung mit den sog. verbrannten Dichtern kennengelernt...
      GLG

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  12. das 7. kreuz gelesen, ihr grab besucht und immer ihre starre haltung zur sowjetunion und zur ddr verfolgt - was sich nach lesen deines beitrages jetzt zumindest ein wenig anders anfühlt. danke für den gedenkstätten-tipp - ein guter hinweis für einen der nächsten berlin-besuche.
    wieder toll recherchiert und geschrieben!!
    liebe grüße
    mano

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  13. Liebe Astrid,
    danke für deine so interessanten und lesenswerten Biographien...du machst dir sehr viel Mühe alles zusammenzutragen. Dadurch ist mir manch Frauenschicksal erst bekannt geworden.
    Viele liebe Grüße und ein nettes Pfingstwochenende, Marita

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  14. Liebe Astrid,
    tolle Biografie. Ich wollte sie erst nicht lesen.
    Bei ihr bin ich sehr zwiegespalten. Ich habe
    (als alter Ossi ;-) ihr Buch im Unterricht lesen müssen und
    auch immer viel über sie gehört.
    Aber deine Biografie zeigt mir, dass sie doch nicht so
    ganz staatstreu war, wie uns glauben gemacht wurde.
    Super geschrieben wieder!
    Ganz liebe Grüße
    sendet dir Urte

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  15. Nach allem, was ich eben hier gelesen habe, finde ich es äußerst schade, dass mir die Schule diese Schriftstellerin - wie so viele andere Autoren auch - so gründlich vermiest hat. Das "Siebte Kreuz" war Pflichtlektüre. Ich habe das Buch verschlungen. Aber alles, was dem Lesen folgte, hat mich nie wieder zu einem Buch von ihr greifen lassen.
    Lieben Gruß
    Katala

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  16. Ach, was ein schöner Wiedereinstieg ins Bloglesen... Danke für das Porträt. Eine Frau, von der man wohl längst noch nicht alles weiß. Hier in Prieros hatte sie einen Rückzugsort mit einem Häuschen im Wald, ich habe dadurch ihre Tochter Ruth kennengelernt, die das Grundstück noch eine Weile nutzen konnte. Du erinnerst mich, dass ich immer mal nach Adlershof wollte. Lieben Gruß Ghislana (die eigentlich ihren Samstagsplausch schreiben will, aber blogger lässt mich nicht, tsssss)

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  17. Liebe Astrid,
    mich hat Anna Seghers und ihr Werk als Jugendliche sehr beschäftigt. Danke für Deine ausführliches Porträt. Nun bin ich natürlich auf Otto III. gespannt.

    Liebe Grüße
    Nula

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Der Kommentar ist für den Blogger wie der Applaus im Theater - also: worauf wartest du?

Aber bitte nicht vollkommen anonym - ein Name ist erwünscht! Und ein gewisses Maß an Herzensbildung auch - ansonsten schalte ich den Kommentar nicht mehr frei. Das kann auch schon mal dauern - dann bin ich vom Schreiben neuer Posts gefesselt!

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