Donnerstag, 21. Dezember 2017

Great Women # 125: Edita Gruberová

Ich habe in dieser Reihe schon einmal eine Sängerin porträtiert, deren Berühmheit auf ihrer musikalischen Interpretation der Rolle der Königin der Nacht beruht: Edda Moser. Auch die heute vorgestellte Sängerin reüssierte als ganz junge Frau in dieser Rolle, hat aber ihr Publikum mit ihrer einzigartigen Stimme bis heute im Griff und gilt als die letzte Assoluta unserer Zeit: Edita Gruberová.

Das Leben der Edita Gruberová beginnt am Tag vor Weihnachten 1946: Am 23. Dezember kommt sie in Raca, zehn Kilometer nördöstlich von Bratislava, als einziges Kind von Etela Gruberová, einer Angehörigen der ungarischen Minderheit der Slowakei, und von Gustav Gruber, einem Deutschen, zur Welt. Rein rechtlich ist das Mädchen Slowakin, lernt die slowakische Sprache.

1949
Das Leben in der sozialistischen Tschechoslowakei als Angehörige einer Minderheit ist schlimm und folgenreich: Rund drei Millionen Deutsche sind 1945-46 auf Geheiß des Präsidenten Edvard Beneš aus dem Staatsgebiet vertrieben worden. Ähnliches hat man nun auch mit der ungarischen Minderheit im Land vor. Das wird dann aber doch noch durch eine Vereinbarung mit dem entsetzten Nachbarn rechtzeitig verhindert. Editas Vater wird zwar nach außen hin Slowake, bleibt aber innerlich deutsch. Zudem ist er Antikommunist und wird schließlich nach einer Denunziation fünf Jahre ins Gefängnis gesteckt. Daraus kehrt er als gebrochener Mann zu Frau & Tochter heim, flüchtet sich in den Suff & Gewalttätigkeit und terrorisiert beide. Die Mutter hat als hart arbeitendes Mitglied einer Zwangskolchose im Weinberg nun zusätzlich noch die Aufgabe auszugleichen und sich für das Kind aufzuopfern. Eine enge Beziehung wird die Beiden ein Leben lang verbinden.

Hätte sie ein leichteres Leben gehabt, sänge sie vermutlich anders, die spätere Gruberová. Der gemeinsame Gesang mit der Mutter in der bedrückenden Familienatmosphäre "entlüftet ihre Seelen". Die Mutter finanziert ihr sogar eine erste Schallplattenaufnahme: ein slowakisches Volkslied!
1959

"Du musst Opernsängerin werden", meint demzufolge auch der evangelische Pfarrer, der sie während ihrer Zeit als Konfirmantin begleitet, wenn sie von der Orgelempore aus Kirchenlieder singt. ( Der Pfarrer wird sie auch fit in puncto Klavierspiel für die Aufnahmeprüfung machen. )

Doch da weiß das Mädchen noch gar nicht, was eine Oper ist. Erst als Prager Freunde sie 1959 in eine Vorstellung von Bedřich Smetanas "Die verkaufte Braut" mitnehmen, bekommt sie einen Begriff davon. Aber da geht es ihr wie mir in der Jugend: Es stört sie gewaltig, dass sie den Text, und damit die Handlung, wegen der Singerei nicht versteht. Viel lieber will sie in einen Rundfunkchor aufgenommen werden, was sie auch schafft.

Dr. Janko, der Pfarrer, bringt sie mit seinen Bemerkungen zur Opernsängerin allerdings ins Grübeln, will Edita doch eigentlich Krankenschwester werden oder weiter aufs Gymnasium. Mit dem Singen Geld verdienen? Die Eltern überlassen es der Tochter, wofür sie sich entscheidet. Der Vater kratzt sogar sein Geld zusammen und kauft einen kleinen, alten Flügel. Schließlich meldet sich Edita im Frühjahr 1962 zur Prüfung am Konservatorium Bratislava, singt ein Volkslied und wird aufgenommen. Das Studium - der Vorteil im Sozialismus - wird vom Staat finanziert.

Editas Lehrerin, Maria Medvecká,  erkennt, routiniert wie sie ist, die Fähigkeiten ihrer neuen Schülerin sofort und stellt ihr in Aussicht, sie zur besten Koloratursopranistin weit und breit zu machen. Und was singt die beste Koloratursopranistin: Die Arien der Königin der Nacht in Mozarts "Zauberflöte". Mit diesen Noten wird die junge Elevin bald konfrontiert. Und mit jedem Tag der Beschäftigung mit dieser Partitur am Konservatorium wächst das Interesse an der Oper.

Zuhause spitzt sich die Situation immer mehr zu und belastet Edita. Erst nach einem Umzug in ein Internat ist sie frei genug, um ihre vokale Entwicklung mit großem Tempo voranzutreiben. Und sie lernt Štefan Klimo kennen & lieben, dessen Vater als Chorleiter die junge Sängerin ab und zu als Solistin engagiert. Die Klimos sind eigentlich Kommunisten und glühende Befürworter der neuen tschechoslowakischen Republik, Štefan, der Sohn dagegen nicht, und er verbaut sich damit die Chance, als Musikwissenschaftler in Lohn und Brot zu kommen.

Im Januar 1968 erhält die junge Gesangsstudentin die Chance, in dem dem Konservatorium benachbarten Nationaltheater, einer Institution mit dreihundertjähriger Tradition, vorzusingen und eine Rolle in Rossinis "Barbier von Sevilla" zu ergattern. Sie befindet sich im Abschlussjahr und ist bereits auf der Suche nach Engagements, denn sie braucht die materielle Absicherung für die Zukunft. Sie wird zwar nicht für die Premiere, sondern nur für Folgevorstellungen engagiert, aber am 18. Februar gibt sie als Rosina ihr Bühnendebüt. In dieser Rolle kann sie ihre Träume, Gefühle und Sorgen ausleben. Ohne den familiären Druck, völlig befreit, feiert sie mit ihrem Auftritt ihren ersten großen Erfolg. Eine feste Anstellung am Nationaltheater bleibt ihr dennoch verwehrt, obwohl sie ihr Diplom als "Beste Gesangsstudentin des Jahres" ablegt.

Als "Rosina" (1968), als "Violetta" (1968) und "Olympia" (1969)
Ein Stipendium für ein Fortsetzungsstudium in Italien wird ihr vom Staat verweigert, eines für Leningrad geboten. Doch dazu kommt es nicht mehr: Der "Prager Frühling" endet am 21. August 1968 durch den militärischen Einsatz einer halben Million Soldaten aus der Sowjetunion, Polen, Ungarn und Bulgarien. Es ist die größte Militäroperation in Europa seit 1945.

Edita reagiert eher pragmatisch, nimmt dann eben ein Angebot aus der Mittelslowakei an. Für die nächsten zwei Jahre wird das Opernhaus in Banská Bystrica, gut zweihundert Kilometer von Bratislava entfernt, ihre künstlerische Heimat. Dort debütiert sie wieder als Rosina, wird jedoch bald mit der Rolle der Violetta in Verdis "La Traviata" betraut - der stimmgefährdendsten Rolle für eine junge Sopranistin! Edita meistert diese Aufgabe mit Bravour und löst einhellig Begeisterung aus. Man traut ihr nun auch die drei Frauenrollen in Offenbachs "Hoffmanns Erzählungen" zu. Der Einsatz an einer solch kleinen Bühne verursacht zum Glück keinen vokalen Raubbau, ist aber anderweitig anstrengend für Edita, denn das Opernvolk jener Zeit an dieser Bühne ist ein fahrendes...

Doch es bietet der jungen Sängerin auch die Chance, Rollen auszuprobieren wie die der Eliza in "My Fair Lady" oder der Gilda in  Verdis "Rigoletto". Man wird aufmerksam, auch in der gesamten Republik. Das Magazin "Film a Divadlo" schreibt über sie:
"Eine angenehme Erscheinung, Bescheidenheit und die Entschlossenheit, unter allen Umständen Kunst zu pflegen, dazu großes Talent und ein wunderschöner Koloratursopran - das ist Edita Gruberová. (....) Es besteht Hoffnung auf ein dauerhaftes Wirken in der Spitzenszene."

Privat ist sie gezwungen, immer wieder in Provisorien zu leben, auch als die Mutter den Vater endgültig verlässt und zu ihr flieht.

Mit der Zeit richtet sich der Focus auch von außerhalb ihres Landes auf die junge Sängerin: Sie wird zum Vorsingen nach Stuttgart eingeladen, lässt sich, da sie von dort nicht allzu schnell Nachricht bekommt, auch zu einem Vorsingen an der Wiener Staatsoper vermitteln. Dort trägt sie die erste Arie der Königin der Nacht vor, dann die zweite. Die Reaktion: Man möge sich ein paar Tage später auf der großen Bühne treffen in Anwesenheit des Direktors Heinrich Reif - Gintl.


Das hohe F sitzt perfekt beim zweiten Wiener Termin und Reif - Gintl bietet der überraschten Edita einen Solovertrag an. Doch inzwischen haben auch die Stuttgarter reagiert, und es kommt zu Komplikationen, denn ihre Agentur hat über ihren Kopf hinweg mit denen einen Vertrag ausgehandelt.

Nach einigem Hin und Her kann sie am 7. Februar 1970 doch noch in Wien als Königin der Nacht vor das Publikum treten. Fünf Tage später spielt sie schon die Olympia in "Hoffmanns Erzählungen". Ihr gefällt der neue Arbeitsplatz, weniger das Pendeln mit dem Zug zwischen den beiden siebzig Kilometer voneinander entfernten Städten. Und ihr gefällt alsbald auch die freiere, unbelastetere Luft im Westen...

1970
Doch noch gilt es, auch die privaten Verhältnisse zu klären: Sie heiratet Štefan Klimo, wird schwanger, fühlt sich immer größerem politischem Druck ausgesetzt ( zumal ihr Mann immer noch auf der Suche nach einer festen Anstellung ist ) - und am 23. März 1971 macht sie Nägel mit Köpfen: Die hochschwangere Sängerin reist mit ihrer gehbehinderten Mutter mit dem Bus nach Wien, zwei Koffer haben sie dabei. Der Ehemann folgt eine Woche später nach. Und wenige Tage nach dem Verlassen der Heimat wird die junge Familie durch die Geburt der Tochter Klaudia komplettiert.

Die Tschechoslowakei reagiert umgehend auf die Republikflucht und verurteilt die Sängerin in Abwesenheit zu zwei Jahren Gefängnis. Eine Rückkehr ist nunmehr nicht mehr möglich. Der Vater ist in Raca geblieben, Edita wird ihn nie wiedersehen. "Jahre später erfuhr ich, dass er gestorben war."

Ab 1972 ist sie regelmäßiges Mitglied der Wiener Staatsoper, eigentlich eine gute Basis für eine erfolgreiche internationale Karriere in allen Rollen für einen Koloratursopran. Doch wirklich kümmert sich niemand um die junge Tschechin, obwohl sie optisch und akustisch hervorragend agiert. Aber das fällt nur dem Kritiker Karl Löbl auf, weniger der Staatsopernleitung...

Andere schauen genauer hin, wie Georg Solti ( für seinen Arabella - Film ) oder Herbert von Karajan ( Königin der Nacht 1974 und Konstanze 1975 in Salzburg ). Immerhin darf sie in Graz erstmals eine große Belcanto - Partie singen: Die Titelrolle in Donizettis "Lucia di Lammermoor". Lange hat sie sich darauf vorbereitet. Am 1. Januar 1975 ist es so weit: Im fünften Monat schwanger steht sie neben dem berühmten Carlo Bergonzi auf der Bühne, der eher gönnerisch - herablassend ist. Doch Erich Seitter, dem Arturo der Aufführung, rutscht es heraus: "Die ist großartig, da wird was draus!"

Im März 1976 bringt sie dann Tochter Barbara auf die Welt.

Aufgewachsen in einem sozialistischen Staat, ist Edita eher schüchtern und macht, was man von ihr verlangt. Nur einmal nimmt sie das Heft selbst in die Hand: Sie ist nun schon vier Jahre im Ensemble der Wiener Staatsoper, hat die Rolle der Zerbinetta aus "Ariadne auf Naxos" von Richard Strauss mit ihrem Korrepetitor an der Oper und mit ihrer Gesangslehrerin Ruthilde Boesch erarbeitet und 1973 schon einmal gesungen, doch sieht sie ihren Namen nicht auf dem Besetzungszettel der Neuproduktion von 1976:

"Da hat mich der Zorn gepackt, da habe ich irgendwelche Kräfte mobilisiert von denen ich heute noch nicht weiß wieso",  und sie beschwert sich. Jemand, der es gut mit ihr meint,  arrangiert deshalb ein Vorsingen beim Dirigenten der Produktion, Karl Böhm. Trotz zittriger Knie kann sie ihn mit ihrem Gesang überzeugen. Die Premiere im November 1976 ist ein Sensationserfolg und bringt ihr den internationalen Durchbruch:


Als diese Arie gesungen ist, kann sich das Publikum minutenlang nicht beruhigen. "Zerbinetta war das Ereignis des Abends!", schreibt der Kurier am nächsten Tag. Die Opernwelt hat einen neuen Star!

1977 singt sie in der New Yorker Metropolitan Opera ihre Paraderolle aus der "Zauberflöte" und an der Bayrischen Staatsoper die Zerbinetta. Das markiert den Beginn einer jahrzehntelangen Zusammenarbeit, auch wenn der darauf folgende Auftritt im "Rosenkavalier" ( als Sophie ) gründlich daneben geht. 1978 kommt als dritte Lieblingsbühne der Sängerin das Gran Teatre del Liceu in Barcelona dazu mit einer Aufführung von Mozarts "Die Entführung aus dem Serail"- eine eher bescheidene Inszenierung, aber nur wegen der bedürftigen Situation der Bühne. Ein richtig fulminanter Erfolg ist ihr am 23. März 1978 auf der Wiener Bühne als Lucia beschieden. Karl Löbl schreibt im Kurier:
"In der großen Wahnsinnsszene (...) spürte man psychischen Zusammenbruch, hörte man - bei aller Bravour - Verzweiflung und Grauen vor der begangenen Tat. (...) Ich habe aus dem Singen der Gruberova eine Menge erfahren über die Figur, die sie darzustellen hat."

Im Privatleben der nun international erfolgreichen Sängerin bleiben im Laufe der Jahre die Schicksalsschläge nicht aus: Ihr Ehemann kann in Wien nicht Fuß fassen, leidet unter Depressionen. 1983 kommt es zur Scheidung, bald darauf begeht  Štefan Klimo Selbstmord -  Edita Gruberová tritt die "Flucht aus der peinigenden Realität" an und sucht, wie schon seit Kindheitstagen, Trost und Vergessen im Gesang. 1984 stirbt dann auch noch die Mutter, bis dahin ihre unersetzliche Stütze. Nur mit ihr hat sie Karriere machen können, weil sie die Töchter in ihrer Obhut lassen konnte. Jetzt muss sie das alles selbst organisieren - ein Kraftakt.

Als Edita Gruberova an der Wiener Staatsoper dann noch ihren Vertrag löst, um im Herbst 1986 in die Schweiz in die Nähe von Zürich zu übersiedeln und freiberuflich zu arbeiten, wird es richtig schwierig. "Von nun an musste ich reisen. Einem Kind ist es ganz egal, ob die Mutter berühmt ist oder nicht. Sie haben mir das oft vorgehalten, was für ein Problem das für sie war: Mama ist nicht da." Einen Teil des Dilemmas sucht sie zu lösen, indem sie die Wiener Haushaltshilfe mitnimmt und - vorkocht! "Ich habe vorgekocht, in Portionen geteilt und eingefroren und alles vorbereitet, so gut es ging. Aber das hat ihnen auch nicht gemundet."

Doch so richtig und wichtig für sie der erneute Wechsel in ein anderes Land ist: Nicht nur den Kindern fällt es schwer, auch sie bekommt eine Stimmkrise ( das tiefer liegende technische Problem wird sie erst später mit einer Münchner Gesangspädagogin lösen können ).

1988 kehrt sie auch zum ersten Mal zurück an den Ort ihrer Kindheit & Jugend - und nach dem Fall des Eisernen Vorhangs stellt sie sich auch ernsthaft die Frage nach einer endgültigen Rückkehr. Doch sie kommt zu dem Schluss: "Man muss nicht zweimal ins selbe Wasser steigen." Ihr Haus in Zürich mit seinem Garten bietet ihr die Rückzugsmöglichkeiten nach dem abendlichen Leben im Jubel. Egal, wo sie auftritt, versucht sie auf schnellstem Wege wieder dorthin zu kommen. "Applaus ist die Konsequenz meiner Arbeit - nicht der Antrieb."

Einen neuen Höhepunkt in ihrer Karriere als Sängerin erlebt die Gruberová 1990 in Barcelona als Elisabetta in Donizettis "Roberto Devereux". Nach dem letzten hohen D, dem letzten verzweifelten Ausbruch Elisabettas, bricht im Publikum der Tumult aus. Die Zeitungen rufen sie gar zur "Gruberova primera, reina del Liceu" aus ( im Video unten ist allerdings die Version von 2005 der Bayrischen Staatsoper zu sehen ):


Giancarlo del Monaco hat sich für diese Rolle ein Konzept überlegt, dass die 44jährige zuerst schockiert. Doch zusammen mit dem Dirigenten Richard Bonynge wird daraus auch musikalisch ein Großereignis, doch die Sängerin ahnt nicht, dass dies eine ihrer Lebensrollen werden wird. Mit Bonynge nimmt sie bald darauf auch die "Lucia di Lammermoor" auf Schallplatte auf, mit der sie dann endlich auch im Oktober 1991 an der Bayrischen Staatsoper auftreten darf. Der berühmte Kritiker Joachim Kaiser schreibt dazu:
"Ich habe die Callas und die Sutherland noch in großen Belcanto-Partien erleben dürfen: die Leistung der Gruberova (...) kam dem zumindest gleich - ja, war eigentlich noch zwingender. Diese Koloratur-Sopranistin versteht es, Donzettis  heikelste Verführungsanforderungen zu erfüllen, ohne je in Attitüde oder bloß Perfektem steckenzubleiben."
Unter Nikolaus Harnoncourt singt sie im gleichen Jahr in Zürich und Wien die ( seinerzeit von Mozart für die "geläufige Gurgel" der Anna de Amicis geschriebene ) Partie der Giunia in "Lucio Silla" - wieder eine Sternstunde des ausdrucksvollen Koloraturgesangs!

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Aus ihren Erfahrungen mit diversen Opernhäusern, die sich oft sperren gegen das von ihr bevorzugte Belcanto - Repertoire, entwickelt Edita Gruberová eine Leidenschaft für konzertante Aufführungen. Aus der Erfahrung, ohne störende Bühnengeräusche musizieren zu können, wächst die Idee, diese Konzerte auf CD zu dokumentieren. Daraus entsteht das eigene Plattenlabel "Nightingale Classics", zusammen mit ihrem damaligen Lebensgefährten Friedrich Haider1992 in Zürich.

Haider ist in Wien zunächst nur Liedbegleiter der Sängerin gewesen. Von Anfang an verstehen sie sich musikalisch gut, doch das persönliche Verhältnis ist zunächst unterkühlt, Edita ist scheu und von wenig schönen Eheerfahrungen geprägt. Doch der unbekümmerte, fünfzehn Jahre Jüngere erobert schließlich ihr Herz, so dass auch eine private Beziehung über zwei Jahrzehnte entsteht. Geheiratet wird ganz bewusst nicht.

Etwa zur gleichen Zeit hat die Sängerin begonnen, weitere dramatische Belcanto-Partien zu erarbeiten und konzertant aufzuführen. Hervorhebenswert sind neben den Partien der Elisabetta, Maria Stuarda und Anna Bolena in Donizettis Tudor-Königinnen-Trilogie, aber auch Bellinis "Beatrice di Tenda", "I Puritani" und "La Sonnambula", von Donizetti zusätzlich "Linda di Chamounix" und "La Fille du Régiment", dazu Rossinis "Semiramide", mit ihrem virtuosen vokalen Prunk die letzte Barockoper, und endlich auch die "Norma". Die Veröffentlichungen auf Tonträgern ihres eigenen Labels sind alsbald ein weiterer Erfolg der Gruberová und machen sie zu einer Vorreiterin, denn immer mehr Künstler, vor allem Dirigenten, werden diesen Weg einschlagen, um sich von den oft marktschreierischen & populistischen Plattenfirmen zu trennen und ihre eigenen musikalischen Konzepte umzusetzen.

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Der Paradigmenwechsel im Opernleben jener Jahre hat zunehmend zu einer Dominanz der Regie geführt, und Edita Gruberová wird eher als Primadonna alten Stils eingestuft, und Zwiste mit Regisseuren oder Sangeskolleginnen von der Presse genüsslich als Divenkämpfe ausgeschlachtet ( so bei den Salzburger Festspielen von 1992 ). Aber sie kann auch immer wieder überraschende Triumphe feiern wie 1994 an der Wiener Staatsoper in "I Puritani" unter Placido Domingo oder 1995 in München in "Anna Bolena".

Gelobt wird von Kritik und Publikum immer ihre Gesangskunst, doch die Leistungen der Regisseure lassen einen schalen Geschmack zurück, lassen sie doch die Opern als reines Starvehikel erscheinen, die nie tiefer ausgedeutet werden. Das ist inzwischen eine Situation, die die Sängerin zu verfolgen scheint.

Dem Regisseur Christoph Loy ist es zu verdanken, dass sie 2004 in München als Elisabeth in "Roberto Devereux" zum ersten Mal in ihrer Karriere auch als Darstellerin Akzeptanz erfährt und einen weiteren Triumph feiern kann. Er führt sie über Grenzen und in neue Ausdrucksdimensionen, so dass die Produktion zu einer der wichtigsten ihrer Karriere wird. Loy wird der Lieblingsregisseur ihrer späten Karrierephase werden.
"Das Vorurteil oder Klischee ist womöglich so alt wie die Theaterkunst selbst: Ob Darsteller und Rolle nicht zum großen Teil deckungsgleich seien, womöglich sein müssten, um Wahrhaftigkeit zu erzielen?Doch zwischen Selbstverwirklichung auf der Bühne und privater Selbstdarstellung, will sagen: zwischen Theaterfigur und Vermittler, klafft ein Spalt - über den sich wiederum das Wesen dieser Kunst definiert. Und so ist Edita Gruberova, bedingt durch ihre oft exaltierten Rollen, zwar eine Frau der öffentlichen Emotion, doch betrifft dies nur ihr für alle einsehbares Bühnenleben", schreibt Markus Thiel in seiner Biografie "Der Gesang ist mein Geschenk" (2012).
Barbara Klimo
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Das muss man sich immer wieder sagen, wenn man zu einem Urteil über den Bruch der Sängerin mit der Zürcher Oper kommen will. Was ist damals 2001 passiert?

Ihre Tochter Barbara, als Tänzerin am Zürcher Opernhaus engagiert, stürzt drei Meter tief und wird fast tödlich verletzt, als ein Teil der Bühne ungesichert versenkt wird. Trotz dieser Sorgfaltspflichtverletzung spielt das Opernhaus den Vorfall herunter und schickt nur einen Blumenstrauß. Eine rechtliche Auseinandersetzung wird unendlich in die Länge gezogen, obwohl mit dem Unfall die tänzerische Karriere Barbara Klimos beendet ist. Diese "Verwedelung" hinterlässt nachhaltige Spuren in Edita Gruberova, die über ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden verfügt. "Für mich als Mutter ist dies ein wohl jedermann verständlicher Grund, endlich die Konsequenzen zu ziehen und auf weitere Tätigkeiten am Opernhaus Zürich zu verzichten." Erst als der verantwortliche Alexander Pereira 2012 vom Züricher Opernhaus weggeht, wird sie dort wieder auftreten.

Im Laufe ihrer Karriere kommt die Sängerin auch an einen Punkt, an dem die Koloraturen nicht mehr so selbstverständlich leicht und locker zu singen sind. Als 60-Jährige nimmt sie die Hilfe der Münchner Stimmtrainerin Gudrun Ayasse in Anspruch. Drei Jahre arbeitet sie an sich, bis sie Zwerchfell, Atmung, Kehle, Mund, Nase und alle anderen, zum Zwecke des Singens notwendigen Körperteile auf Spur gebracht hat und die neue Technik auf der Bühne wirklich umsetzen kann. Und die Gruberová gestattet sich jetzt "ein Abrücken vom puren, ebenmäßigen Schönklang". Es kommt zur ersten konzertanten Aufführung als Lukrezia Borgia in der gleichnamigen Oper von Donizetti, 2009 dann zur szenischen Aufführung in München, wieder unter Christof Loy:


Loys Münchner Inszenierung der "Lukrezia Borgia" ist im Mai 2018 die letzte szenische Aufführung, die sich im Terminkalender der großartigen Sängerin noch findet. Dann wird sie ihr 50jähriges Bühnenjubiläum feiern.

Geträumt habe sie von einer so langen Karriere nie, erzählt sie in Interviews. Anfangs, zu Beginn der Karriere, "da denkt man an überhaupt nichts, da ist man froh, dass man glücklich von der Bühne runterkommt“. Ihr Leben geplant habe sie ohnehin nie, "nichts kalkuliert oder irgendwie angestrebt. Es kam so wie es kam, ich hab's genommen, hab jahrelang viele kleine Rollen gesungen an der Wiener Oper, und dann kam der Durchbruch, die vielen Reisen, die vielen Theater auf der ganzen Welt. Aber ich habe mir nie zielstrebig gesagt: Das muss ich erreichen bis dahin."

Dass sie nie den Begehrlichkeiten der Opernintendanten nachgibt und in ihren jüngeren Jahren auf Mozart und Belcanto beharrt, bewahrt ihre Stimme vor Verschleiß. Statt eines überbreiten Repertoires interessiert sie an ihren Rollen der Zuwachs an Tiefe. Das mag auch ein Geheimnis ihres anhaltenden Bühnenerfolgs in einem Alter sein, in dem sich die meisten Kolleginnen ihrer Zeit längst der Gesangspädagogik, der Rosenzucht oder anderen erbaulichen Tätigkeiten abseits öffentlicher Aufmerksamkeit widmen.

So kann sie es im Alter von 66 Jahren wagen, die Rolle der Adelaide in Bellinis "La straniera" in München zu übernehmen ( und mit der sie sich im Juli 2014 von der Bayerischen Staatsoper verabschiedet - in diesem Video von 2015 in Wien, wieder unter Christof Loy, nachzuhören ) oder die der Norma in der gleichnamigen Bellini - Oper, eine Rolle, vor der sie Ehrfurcht hat, weil diese die Rolle der großen Maria Callas war, mit der der sie seit 2006 dann aber immer wieder konzertant auftritt:

In "La straniera" 2013 in Zürich
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Für mich bewegt sich diese Ausnahmekünstlerin schon längst im Opernolymp, auch wenn sie noch unter uns weilt und übermorgen ihren 71. Geburtstag feiert. Für ein Ständchen, nicht einmal für ein "Happy Birthday to You", reicht meine gealterte Stimme schon längst nicht mehr...





Kommentare:

  1. Eine schöne Widmung für diese großartige Sängerin.
    La Sonnambula habe ich als Oper auf CD mit ihr.

    Schönen Tag und alles Liebe Eva

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  2. Sehr interessant. Danke für den Einblick.
    LG
    Henrike

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  3. Wie man ein so großes Leben so ungeplant leben kann, finde ich total spannend. Nicht nur, dass sie eine großartige Sängerin ist, sondern auch noch jemand, der anscheinend das Leben annehmen kann, wie es kommt. Natürlich geht das nicht ohne Disziplin, besonders wenn man Sängerin ist. Die Stimme zu hüten, ist da ja oberstes Gebot und dass sie da allen Verlockungen entsagt hat, finde ich ebenso bemerkenswert.
    Danke fürs Vorstellen, liebe Astrid und Herzlichen Glückwünsch an Frau Gruberová.
    Herzlichst, Sieglinde

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  4. Ich lese diese Posts so gerne! Und rein gehört habe ich auch....was für eine schöne Stimme! Du machst Dir echt immer so eine Arbeit mit diesen Posts!
    Ich freue mich auf ein weiteres Bloggerjahr mit solchen Berichten.
    Frohe Feiertage für Euch!
    Lieben Gruß
    Gisi

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  5. Was für eine lange, erfolgreiche Karriere. Danke für eine wieder so interessante Biographie!
    Liebe Grüße
    Andrea

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  6. Für mich immer nur "Die Gruberova" - mir wäre auf die Schnelle noch nicht mal der Vorname eingefallen....
    Und auch sonst habe ich so viele Dinge erfahren. Scheint auch außerhalb ihres Berufes eine besondere Persönlichkeit zu sein.
    Liebe Grüße
    Liebe Grüße

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  7. eigentlich mag ich keinen Sopran ;)
    aber sie hat wirklich eine ausdrucksstarke Stimme
    danke für die Vorstellung
    liebe Grüße
    Rosi

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  8. Es gibt für mich noch so viel nachzulesen bei dir, auch der Mammutbaum wartet noch - ich hinke wortwörtlich hinterher.
    Schöne Feiertage dir - Ulrike

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  9. Das hat mich jetzt zu Tränen gerührt, diese wunderwunderbare Stimme, diese Frau, deine Worte. Großartig... Lieben Gruß Ghislana

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Der Kommentar ist für den Blogger wie der Applaus im Theater - also: worauf wartest du?

Aber bitte nicht vollkommen anonym - ein Name ist erwünscht! Und ein gewisses Maß an Herzensbildung auch - ansonsten schalte ich den Kommentar nicht mehr frei. Das kann auch schon mal dauern - dann bin ich vom Schreiben neuer Posts gefesselt!

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