Donnerstag, 4. Januar 2018

Great Women # 126: Thea Sternheim


Diesen ersten Great-Women-Post im neuen Jahr möchte ich einmal mit einem Einblick in meine Vorgehensweise beginnen bzw. erzählen, wie und weshalb ich mich dann für diese oder jene Frau aus meiner Liste von derzeit 45 "Anwärterinnen" entscheide und sie hier vorstelle. Denn meist kann ich mich nicht entscheiden, weil ich sie alle gleich spannend finde. Und dann schaue ich gerne in die Gedenktage - Liste der Fembio - Seite. Wenn es dort einen Jahrestag für eine Dame von meiner Liste gibt, sind die Würfel gefallen, und ich knöpfe mir meine gesammelten Informationen zur Betreffenden genauer vor. Auf die heutige Protagonistin bin ich gekommen, als ich mich auf die Recherche nach einer ganz Anderen gemacht hatte und plötzlich von einer weiteren Lebensgeschichte erfuhr und gefangen genommen wurde. Es war die von Thea Sternheim, einer anerkannt großen Chronistin des 20. Jahrhunderts, Fotografin, Kunstsammlerin und nebenbei noch Ehefrau des skandalumwitterten Dramatikers Carl Sternheim. 


Thea Sternheim kommt am 25. November 1883 im rheinischen Neuss als Olga Maria Theresia Gustava Bauer zur Welt. Sie ist das dritte Kind ihrer Eltern Agnes Schwaben und Georg Bauer - zwei Brüder, Richard & Theo, sind sechs bzw. drei Jahre älter - einem sehr wohlhabenden, katholischen Unternehmerpaar. Der Vater ist zusammen mit einem Compagnon Eigner der "Rheinischen Schrauben- und Mutternfabrik AG, Bauer und Schaurte", sucht sich seine Freunde bevorzugt in Militärkreisen, hat entsprechend autoritäre Anforderungen an die Kinder, und vergiftet die Familienatmosphäre bzw. das Verhältnis zu seiner Ehefrau durch seine ständige Untreue.

Thea erlebt also schon in jungen Jahren, wie hohl die gutbürgerliche, wohlanständige Fassade in ihren Kreisen ist. Auch drei ihrer Tanten sind geschieden und die Großmutter mütterlicherseits - die einzige warmherzige, zuverlässige Person in Theas Kindheit - ist seinerzeit auch von ihrem Ehemann verlassen worden und hat ihre Kinder alleine groß gezogen.

Vorm Vater fürchtet sich das Kind, weil er sie kujoniert: "Da ich beim Aussprechen des S lispele, muß ich mich in strammer Haltung hinstellen, laut, deutlich 'Hose, Rose, Dose' sagen." 

Wohnhaus Hansaring
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Als Thea fünf ist, zieht die Familie um in ein Haus am Kölner Hansaring 53, erbaut im Zeitgeschmack ( den Thea später milde ausgedrückt als "Plüsch" bezeichnen wird ) von einem Bruder des Vaters.

Von Vorteil ist, dass sie nun leichter die geschätzte Großmutter im Stadtteil Deutz besuchen kann. Sechsjährig wird Thea in die Kuttenkeulersche Schule am Gereonsdriesch in der Nähe des Elternhauses eingeschult und lernt dort lesen und schreiben. Und irgendwann beginnt sie selbst kleine Szenen oder "poetische Ergüsse" zu verfassen. Vom katholischen Ritus fühlt sie sich zwar sehr angezogen, lehnt sich andererseits aber gegen den Autoritarismus der Kirche auf, so dass anderen Kindern der Umgang mit ihr gar verboten wird.

1896 wird sie - dreizehnjährig - in das Pensionat der Schwestern Meurin in Bonn gesteckt. Die Disziplin dort erlebt Thea als Freiheitsberaubung und ist empört, weil ihre persönlichen Briefe von den Pensionatsleiterinnen geöffnet und gelesen werden. Ansonsten findet sie es dort eher langweilig, ohne große Höhe- und Tiefpunkte, ohne frohe oder traurige Gefühle. Sie suspendiert sich immer öfter selber vom Unterricht, um ein Drama mit fünf Akten zu verfassen: "Johannes Hus". Darin werden der Papst und der Kaiser als Gauner gezeichnet, der Ketzer Johannes Hus als edler Märtyrer - ganz ihrer ausgeprägten antiklerikalen & antiautoritären Einstellung entsprechend. Klar, dass sie sich eine Zukunft als Theaterregisseurin und Bühnenbildnerin erträumt, Ehe und Familie haben in diesem Traum keinen Platz. Im Pensionat ist auch Eugenie Hauth, die in Theas künftigen Leben für eine entscheidende Bekanntschaft sorgen wird...

Nach zwei Jahren wird Thea von ihren Eltern in einem Mädcheninstitut in Brüssel untergebracht, was ihr mehr zusagt und in bester Erinnerung bleiben wird, denn sie trifft auf Mädchen aus verschiedensten Kulturen und entdeckt die Liebe zur französischen Literatur, Geschichte und Kunstgeschichte. In den Museen von Brüssel, Antwerpen, Brügge und Gent lernt sie die Malerei van Eycks, van der Weydens oder Memlings kennen, die sie für immer schätzen wird. Literarisch wichtig wird ihr Maurice Maeterlinck, dessen Bücher sie derart berühren, dass sie dem Autor schreibt.
"Noch heute entsinne ich mich des inneren Aufruhrs, den ich mit Maeterlincks Antwortschreiben auf meinen an ihn gerichteten Brief empfand. Überhaupt war die in Brüssel verlebte Zeit mit Verlaine, Pascal, Verhaeren und Maeterlinck unbedingt die an musischen Eindrücken reichste meiner Jugend; die, wo ich mein natürliches Ich selbstverständlich leben durfte, die mir gemäße Stellung einnahm, den meinen ähnlichen Interessen vielfach bei anderen begegnete." ( Tagebucheintrag 1926 )
Während der Sommerferien zuhause in Köln macht sie über ihren Bruder die Bekanntschaft mit dem angehenden Rechtsanwalt Arthur Löwenstein. Sie unterhält sich gern mit dem zehn Jahre Älteren, der Musik & Kunst zu lieben scheint und über angenehme Umgangsformen verfügt. Bald verlieben sie sich, treffen sich heimlich und verloben sich vor Theas Rückkehr nach Brüssel. Zu diesem Zeitpunkt ist sie fünfzehn Jahre alt.

Natürlich schreiben sie sich Briefe, die Thea später als pathetisch bezeichnen wird. Und natürlich bekommt der Vater Wind von der Sache und verbietet der Tochter den Briefverkehr. Damit weckt er aber nur den Widerspruchsgeist der Tochter: Sie korrespondiert und trifft sich weiterhin mit Arthur. 1901, nach der Heimkehr ins Elternhaus, kommt es zu einem heftigen Streit, in dem sie den Eltern Antisemitismus vorwirft - Arthur ist Jude -, den Verzicht auf ihr Erbe erklärt und mit dem Elternhaus zu brechen droht. Sobald Arthur sein Assessorexamen bestanden hat, will sie ihn in England heiraten, so der Plan.

Am 10. November 1901 lassen sich die Beiden tatsächlich heimlich in London trauen. Doch schon in den Flitterwochen beginnt die Desillusionierung der jungen Ehefrau: Arthur bevormundet und kontrolliert sie, versucht, sie ihren Freundinnen zu entfremden, nachdem sie sich in Düsseldorf  -Oberkassel niedergelassen haben. Das lässt sich Thea nicht gefallen, und es kommt zu Spannungen zwischen den Eheleuten, zumal echte gemeinsame Interessen doch nicht vorhanden sind.

Allmählich bereut die junge Frau den Bruch mit den Eltern und bittet in einem Brief um Verzeihung. Es kommt zu einer Annäherung, weil sich das junge Paar bereit erklärt, kirchlich zu heiraten und gemeinsame Kinder katholisch zu erziehen. Am  3. Dezember 1902 wird dann auch Theas erstes Kind, Agnes, geboren.

Carl Sternheim
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Im Frühjahr 1903 lernt die junge Mutter den Schriftsteller Carl Sternheim kennen, mit dem ihre ehemalige Bonner Mitschülerin Eugenie Hauth verheiratet ist. Anfangs findet Thea Sternheim exzentrisch & großsprecherisch, die Art und Weise, wie er seine Erfolge bei Frauen herausstreicht, ist ihr peinlich. Aber nachdem sie sein Drama "Judas Ischarioth"gelesen hat, beginnt sie, ihm zu schreiben.

Es kommt zu einigen heimlichen Treffen im folgenden Jahr, und Thea Löwenstein verliebt sich leidenschaftlich in Carl Sternheim.

"In diesen Tagen bin ich selig, gewiß, die bessere Hälfte meines Ichs gefunden zu haben. Carl, an meinem Herzen, versichert mir, der Augenblick seines Lebens sei da, in dem er den Himmel bittet, den Ablauf der Ereignisse stillstehen zu lassen", wird sie später in ihr Tagebuch schreiben.

Thea mit ihrer Tochter Mopsa (1905)
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Sie bewundert Sternheims Kreativität und Schöpferkraft grenzenlos und ist alsbald von ihm schwanger. Am 10. Januar 1905 kommt ihre gemeinsame Tochter Dorothea ( Mopsa genannt ), allerdings mit dem Nachnamen Löwenstein, zur Welt. Fünf Tage vorher beginnt Thea mit einem ersten Eintrag in ihr legendäres Tagebuch ( das sie dann bis kurz vor ihrem Tod 1971 führen wird ). Für die junge Frau beginnen bewegte Zeiten...

Mit Sternheim steht sie weiterhin in heimlichem Briefwechsel, und ihr Kontakt gibt Anlass zu Auseinandersetzungen zwischen den Ehepartnern. Sternheim selbst lebt zu dieser Zeit zeitweise mit einer anderen Frau, Rahel Hermann, zusammen.

Im Mai 1906 stirbt Theas Vater und hinterlässt ihr sowie den Brüdern ein Vermögen von sechs Millionen Mark...

Nach einem erneuten, heftigen Streit verlässt die junge Frau ihren Ehemann im Dezember 1906: "In jener Nacht, als ich meine Kinder verließ, las ich die Bovary. Hinter der Beschreibung einer Episode, die gerade in jenen Tagen eher geeignet war mich ganz zu zerrütten, fand ich die Erkenntnisse eines erhabenen Herzens", notiert sie wieder später in ihrem Tagebuch. Die beiden Töchter Agnes und Mopsa bleiben tatsächlich bei Löwenstein zurück und werden ihm nach der Scheidung im April 1907 auch zugesprochen.

Am 13. Juli 1907 findet schon die Hochzeit mit Carl Sternheim statt, der zu schätzen weiß, eine Frau zu bekommen, die die Mittel für seinen aufwändigen Lebensstil hat. In Höllriegelskreuth in der Nähe von München wird alsbald ein schlossartiges Anwesen, "Bellemaison", geplant und errichtet ( hier zu sehen, wie es heute aussieht ). Bevor es aber fertiggestellt ist, lebt das Paar noch in Pullach, wo auch ihr zweites gemeinsames Kind, der Sohn Agnes Franz Nikolaus, genannt Klaus, am 2. Januar 1908 geboren wird. Im gleichen Jahr beginnen die Sternheims mit dem Aufbau ihrer wertvollen Bildersammlung. Die ersten Werke dafür stammen von Van Gogh & Renoir - Maler, die bis dahin in Deutschland nicht gekauft worden sind.

In "Bellemaison" wird "ein großes Haus" geführt, in dem Literaten, Künstler, Musiker, Theaterleute verkehren. Sternheim arbeitet gerne in der Gesellschaft von Künstlerkollegen wie Max Reinhardt und Frank Wedekind. Hier verfasst er seine das Bürgertum skandalisierenden Stücke, die ihn berühmt machen. Thea wiederum besorgt zusammen mit ihren Dienstboten das Hauswesen, ist eine gewandte Gastgeberin und nimmt am gesellschaftlichen und kulturellen Leben teil.

Doch schon bald gerät "das überirdische junge Liebesglück" in die irdischen Niederungen der Untreue, Egozentrik und Nervenkrankheit Sternheims. Thea leidet zunehmend unter den ständigen Liebesaffären ihres Ehemannes, beobachtet alles um sie herum scharfsichtig, analysiert, auch die Verhältnisse der Künstlerfreunde, und hält alles in ihrem Tagebuch fest.
"Erwachen und Nachdenken, wie mein Leben in Untätigkeit verläuft. Unsagbar traurige Stimmung und Tränen. […] Widerstreit zwischen Wollen und Können. […] Ich bin dem Wechsel der Witterung, dem Körper unterworfen, abhängig vom Gelde, müde, ohne gearbeitet zu haben, verdrießlich ohne Grund. Ich liebe den Jungen, der mich zittern macht von Hause fort zu gehn. Ich hasse die Menschen und sehne mich nach Mitteilung.
Thea mit Mopsa (1912)
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1912 gerät Sternheims Vater, Teilhaber einer Bank in Berlin, in höchste Not, weil er 800.000 Mark veruntreut hat. Um einen Skandal zu vermeiden, wird "Bellemaison" verkauft .

Im August ziehen die Sternheims nach Belgien, zunächst nach Westende und ab Juni 1913 nach La Hulpe in der Nähe von Brüssel. Thea fühlt sich seit ihrer Schulzeit in Belgien wohl. Außerdem hat sie mit Hilfe eines Anwalts erreicht, dass die Tochter Mopsa endlich wieder dauerhaft bei ihr leben darf. Sie traut sich, ein eigenständiges Leben zu führen, unterrichtet ihre Kinder, mit denen sie gerne zusammen ist, richtet sich ein professionelles Fotolabor ein und nimmt ihre literarische Tätigkeit wieder auf. Doch schon bald macht der Kriegsausbruch 1914 diesem Leben ein Ende...

Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Belgien muss die Familie überstürzt fliehen und wird zunächst vom ersten Ehemann Theas aufgenommen. Dann zieht sie weiter in den Taunus, wo Sternheim aus Furcht vor der bevorstehenden Musterung zeitweise in einem Sanatorium in Königstein unterkriecht. Der Kriegsausbruch schärft Theas politisches Bewusstsein. Sie notiert, noch in Oberkassel:
"Ein Zeppelinluftschiff kreuzt lange über der Stadt. Jubelnde Menschenansammlungen. Ein paar Meilen von mir fort werden Tausende und Tausende hingeschlachtet. Ich beklage jene nicht, die einem hinreissenden Drange folgten; aber die anderen, die Sanftmütigen, die Friedfertigen. Wie Lämmer werden sie zur Schlachtbank geführt und dürfen ihren Mund nicht auftun."
Sie sei "einfach nicht mehr imstande, den patriotischen Unsinn der besseren Kreise mitanzuhören", notiert sie ein paar Wochen später. "O Gott hilf uns aus der Macht der Menschen hinaus!"

"Claire Colline"
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Im Mai 1916 kann die Familie jedoch nach Belgien zurückkehren und bezieht in La Hulpe das Haus, "Claire Colline". Dort erhalten die Sternheims auch Besuch von Gottfried Benn, der in Belgien als Militärarzt eingesetzt ist. Anfänglich ihm gegenüber ablehnend eingestellt, entwickelt Thea später eine enge freundschaftliche Beziehung zu dem lyrischen Extremisten.

Bei Kriegsende wird ein Teil des Sternheimschen Vermögens beschlagnahmt, und die Familie weicht nach Scheveningen in Holland aus. Thea verkauft viele ihrer Gemälde, um den Lebensunterhalt bestreiten zu können. Mitte 1919 folgt ein weiterer Umzug nach Thun, später nach St. Moritz, bis sie sich schließlich in Uttwil am Bodensee niederlassen.

Die Ehekrise der Sternheims spitzt sich immer mehr zu, auch, weil Carl der Tochter Mopsa nachstellt, und Thea unternimmt einen Selbstmordversuch. Nach ihrer Genesung geht sie eine intensive, komplizierte und wechselhafte Beziehung zu dem Maler und Pazifisten Frans Masereel ein. Wieder ist sie fasziniert von einem schöpferischen Mann, besonders aber auch von Masereels menschlicher Integrität.  In einem Aufsatz Theas in der Zeitschrift "Aktion" über den engagierten  Künstler wird deutlich, dass sie sich ihm seelenverwandt fühlt und seinen Einsatz für Frieden und Völkerverständigung weitsichtig findet.

Gottfried Benn, Frans Masereel, Franz Pfemfert, André Gide - alle fotografiert von Thea Sternheim



Die fortschreitende Geldentwertung in Deutschland lässt das teure Leben in der Schweiz bald nicht mehr zu, und 1922 steht wieder ein Umzug an, diesmal in die Nähe von Dresden. Sternheims schlechte gesundheitliche Verfassung und seine überreizte Nervosität sind auch dort für die ganze Familie eine Belastung. "Immer nur Gedanken an den Haushalt, an Karls Wohlbefinden", notiert Thea Sternheim in ihrem Tagebuch am 15. Juli 1922. "Früher, wo unsere Mittel reichlich waren, eine Menge Dienstboten zur Verfügung, geschah seinen Forderungen leichter Genüge als heute, wo ich alles mit einem Mädchen besorgen muss." Trotzdem entzieht sie ihrem Ehemann nicht die Unterstützung in seinem literarischen Schaffen, tippt seine Werke ins Reine, recherchiert & studiert Quellen zwecks Vorbereitung seiner Texte.

Im "Waldhof" pflegen die Sternheims auch wieder interessante Kontakte, so zum Maler Conrad Felixmüller, zum Pädagogen Otto Rühle & seiner Frau Alice Rühle-Gerstel oder Franz Pfemfert, Herausgeber der "Aktion". Mopsa, künstlerisch und zeichnerisch begabt, fängt an der Dresdener Kunstakademie eine Ausbildung zur Bühnenbildnerin an. Der Sohn Klaus reist zum Studium nach London.

Theas Vertrauen in die Stabilität der deutschen Verhältnisse sind bereits Anfang der 1920er Jahre vollkommen illusionslos: "… dieselben Massen, die jetzt die Internationale singen, brüllten zu Kriegsbeginn die Hassgesänge und werden sich ebenso wahllos, wird die Parole gegeben, auf den Fremdländischen stürzen und den Bessergekleideten erschlagen."

Und schon wird wieder umgezogen, 1924 der "Waldhof" verkauft und in Uttwil am Bodensee 1925 ein komfortables Haus, von Thea selbst entworfen, bezogen. Sternheim wird immer unausstehlicher, kränkt Thea, wo er kann, und qualifiziert ihre literarische Arbeit ab. Thea gibt nicht auf, sich selbst weiterzuentwickeln, übersetzt Werke von André Maurois und André Gide, mit dem sie 1927 in Paris persönlich Bekanntschaft macht. ( Auch diese, mit Skepsis begonnene Beziehung wird bis zu Gides Tod 1951 anhalten. )

1926
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In seinen Szenen "Aus dem bürgerlichen Heldenleben" (1913) hat Carl Sternheim Karikaturen der deutschen Bürgerlichkeit geschaffen und aufgespießt - es steckt aber auch ganz viel von ihm selbst in diesen Figuren. Der Snob ist er selbst. Und zermürbt mit seinem Auftreten, seinen Psychokrisen, seiner Untreue auch auf Dauer die Loyalität seiner Ehefrau. Nach einem weiteren beleidigenden Vorfall an ihrem 44. Geburtstag fasst Thea den Entschluss zur Scheidung. Am 16. Dezember 1927 schon wird die für sie unerträgliche Ehe geschieden. In seinem Abschiedsbrief am Vorabend schreibt Carl Sternheim an Thea:
 "Carl Sternheims Werk ist ohne Deine Existenz undenkbar … und vergiß bitte nicht, daß ich, als Mensch nicht angenehm, auch Dir auf meine Weise Freude bereitete.
Dann geht er  eine erneute Beziehung zur 28 Jahre jüngeren Pamela Wedekind ein. 

Thea hingegen zieht nach Berlin. Sie pflegt auch dort wieder unzählige Beziehungen zu wichtigen Künstlern, Autoren, Pazifisten der katholischen Friedensbewegung. Aber die Eintragungen in ihren Tagebüchern werden grundiert von der Sorge um und den Auseinandersetzungen mit ihren beiden Sternheim - Kindern, die beide drogenabhängig und sehr labil sind. Alsbald gilt ihre Fürsorge dann auch wieder ihrem Exmann, der, nach einem Nervenzusammenbruch 1928 in der Schweiz, im Juni 1929 nach Berlin ins Westend Sanatorium überführt wird ( und bis zu seinem Tod im November 1942 werden seine An- & Ausfälle ihr Leben begleiten ). In dieser Zeit wird ihr Gottfried Benn eine wichtige Stütze, der als Arzt von Carl Sternheim auch dessen Umzug in eine Wohnung nahe bei Theas Domizil befürwortet, die dieser wieder verlässt, als er sich genug erholt hat, um mit Pamela Wedekind zu reisen. 

Zusehends gerät Thea in eine immer größer werdende Distanz zu den Menschen in ihrer Umgebung, die offen mit dem Nationalsozialismus sympathisieren. Jüdische Bekannte werden auf der Straße angepöbelt und haben Angst. Sie empfindet Deutschland immer mehr als "eine Gefängniszelle par excellence", und verlässt schließlich mit ihren Kindern das Land noch vor dem Machtantritt der Faschisten für immer & emigriert Anfang April 1932 nach Paris. Es erweist sich aber als schwierig, die in Deutschland verbliebenen Vermögenswerte für sich und die Kinder ins Ausland zu transferieren, so dass die Zeit im Exil von finanziellen Nöten geprägt ist. Moralisch klar, wie Thea Sternheim ist, beweist sie mit ihrer Entscheidung aber eine große Weitsicht...

Max Ernst, Klaus Mann und Mopsa Sternheim

Auch die Beziehung zu Benn hat sie wegen seiner Sympathien für die neuen Machthaber aufgekündigt ( der kommentiert boshaft: Sie sei emigriert "...einfach weil sie es sich leisten" kann ). In ihrer Skepsis gegenüber totalitären Ideologien lässt sich Thea von niemandem beirren, auch nicht von dem sonst so ob seiner Sprachgewalt bewunderten Benn. Der preist das neue Regime, wenn auch nur für begrenzte Zeit, und geht auch wieder zurück zum Militär ( seine "aristokratische Form des Exils" ). Es ist das Verdienst Theas, die Haltung Benns als radikaler Künstler, der sich angeblich souverän aus moralischen und politischen Alltäglichkeiten heraushält, letztlich nur als leere Geste zu entlarven, die sein Versagen vor gesellschaftlichen und politischen Realitäten verbergen soll.

In Paris pflegt sie Beziehungen zu einheimischen Intellektuellen, nimmt auch vergangene - wie die zu Masereel oder Klaus Mann - wieder auf und knüpft solche zu Exilanten wie dem deutschen Maler Max Ernst. Doch nach wie vor kostet sie die meiste Energie die Sorge um ihre suchtkranken Kinder. Ab Herbst 1933 findet Thea, nachdem sie bisher nur in Hotels gewohnt hat, eine eigene Wohnung im 14. Arrondissement ( die sie bis 1963 behalten wird ). Ihr Versuch, die französische Staatsangehörigkeit zu bekommen, scheitert jedoch.

Als die deutschen Truppen im Mai 1940 in Belgien einfallen, wird auch Thea Sternheim wie andere deutsche Exilanten als "unerwünschte Person" im Camp de Gurs in den Pyrenäen interniert, wo sie an der Ruhr erkrankt, dank der Vermittlung französischer Freunde aber nach knapp zwei Monaten wieder heraus kommt. Im Herbst ist sie wieder zurück in Paris und muss nun -  fassungslos - das Vorgehen der Vichy - Regierung gegen Juden registrieren. Etliche ihrer Freunde verlassen deshalb das Land in Richtung Amerika. Auch ihr Sohn macht sich auf nach Mexiko ( wo er 1946 seinem Leben ein Ende macht ). Ihre Tochter Mopsa - inzwischen ohne Theas Wissen bei der Résistance - kommt 1944 ins KZ Ravensbrück. Sie selbst wird für "staatenlos" erklärt.

Die Befreiung der Stadt Paris und das Kriegsende führen bei Thea nicht zur erhofften Entspannung und geistigen Erneuerung, weg vom Nationalismus & Kriegstreiberei. Von ihrem einstigen, fast unermesslichen Reichtum ist nun gar nichts mehr übrig ( die letzten Bilder ihrer Sammlung hat sie während des Krieges verkauft ). Depressionen sind die Folge und eine Schreibhemmung hindert sie, ihren Roman zum Abschluss zu bringen. Glücklicherweise kehrt ihre Tochter, allerdings todkrank, nach Paris zurück. Eine Rückkehr in die frühere Heimat kommt für Thea nach wie vor nicht in Frage.

Nach 16 Jahren nimmt sie über den Verlag der Zeitschrift "Merkur" wieder Kontakt zu Gottfried Benn auf, der sich dafür einsetzt, dass ihr Buch "Sackgassen", an dem sie schon so lange geschrieben hat, erscheint. Als der Roman in Berlin der Öffentlichkeit vorgestellt wird, treffen sie sich auch wieder, ein einziges Mal. Doch selbst wohlwollende Kritiken von Ingeborg Bachmann, Max Ernst, Friedrich Sieburg & Kasimir Edschmid bescherendem Buch keinen Erfolg, die finanzielle Misere bleibt weiterhin akut.

"Denke über den trotz günstiger Kritik Misserfolg meines Buchs. Trotz der Betrübnis meine tiefliegenden Finanzen nicht aufbessern, Niedermayer sein in mich investiertes Geld nicht großzügig hereinbringen zu können – ist mein Herz ohne Bitterkeit. Andere, Bessere als mich hat das Publikum ebenfalls abgelehnt. Gewiß lähmt diese Gleichgültigkeit meine Lust, noch etwas auszusagen. Aber was tut’s schon? Blicken wir auf die Sterne!"

Dann stirbt Mopsa 1954 einen qualvollen Tod. Auch viele Freunde Thea versterben oder ziehen weit weg. Sie selbst plagen Krankheiten. Doch ihre geistigen Interessen, auch an politischen Veränderungen in Europa, der ganzen Welt, halten unvermindert an.

Sechziger Jahre
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1963 zieht sie schließlich & endlich nach Basel zu ihrer ältesten Tochter Agnes, die unter dem Künstlernamen Ines Leuwen - Beck Sängerin und Dozentin an der Musikhochschule Freiburg ist, auch in der Hoffnung, durch diesen Umzug ihre Selbstständigkeit im Alter erhalten zu können. Doch das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter leidet unter den Anspannungen, die sich aus Theas Abneigung gegen Agnes Ehemann ergeben. Ihr von Kunst und Kultur geprägtes Leben versucht sie so lange wie möglich aufrecht zu erhalten und übergibt noch kurz vor ihrem Tod ihre Tagebücher, Briefe und Bücher, darunter viele ihr gewidmete Exemplare, dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach.

Am 5. Juli 1971 stirbt Thea Sternheim im 88. Lebensjahr, altersmüde und erschöpft.

Es bleibt viele Jahre still um sie, vielleicht auch, weil selbst ihre letzte Tochter fünf Jahre nach ihr stirbt.  Erst 2002 gibt der Wallstein Verlag Thea Sternheims Tagebücher in vier Bänden und einem Kommentarband heraus, 2004 den Briefwechsel mit Gottfried Benn. 2005 wird ihr Roman "Sackgassen" noch einmal neu aufgelegt - nach und nach kehrt sie ins Bewusstsein der Nachwelt zurück, nun nicht nur alleine als Ehefrau des meistgespielten Theaterautoren des frühen 20. Jahrhunderts, sondern als eigenständige Person, als geistig bewegliche, couragierte Frau, die die Literatur liebt, mit einem reichen, unkonventionellem Leben und als herausragende Chronistin des 20. Jahrhunderts.
"Julien (Green; erg. durch mich ) ist wie ich der Meinung, dass ein Leben ohne Tagebuch gar kein wahrhaftes Leben wäre. Wir kommen zum Schluss, dass die Führung eines Tagebuchs das Glück tiefer, jedes Leid erträglicher macht."
Ein Rezept, das frau nur beherzigen kann, zumal in unseren Zeiten: Das hilft nicht nur, um bestimmte Erzählungen, bei denen sich fröhlich Wahres mit Unwahrem vermischt, einfaches mit Komplexem, am Ende fast alles mit fast allem, die sich über wichtige Ereignisse verbreiten, zu hinterfragen. Es hilft auch, sich irgendwann an all die irren Vorfälle und Aussagen derjenigen, die gerade diverse Länder beherrschen, sowie unsere Reaktionen darauf zu erinnern...





Kommentare:

  1. Heute bist du wieder in "meiner" Zeit unterwegs. Für mich ganz persönlich gehört dein heutiger Beitrag zu den spannendsten und bewegendsten Biografien. Es hat mich sehr gefesselt. Es ist dieser rote Faden, der sich immer wieder mehr oder weniger durch die Künstlerinnengeschichten jener fruchtbaren Zeit zieht. Ich wusste nichts über Thea Sternheim. Den Waldhof schaue ich mir demnächst mal an, wahrscheinlich wird nichts mehr spürbar sein von damals...
    Liebe Grüße

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    1. Ja, mit dieser Rheinländerin ist ein Bogen zu etlichen Orten zu spannen, die mir bekannt sind ( der Waldhof gehört leider nicht dazu ).- Gestern habe ich allerdings einen Post beendet zu einer Frau, die eine Generation jünger ist - und auch da muss ich in der Rückschau sagen: eine fruchtbare Zeit! Und auch eine ähnliche Tragik.
      Freut mich, dass dir der Beitrag gefallen hat.
      LG

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  2. Guten Morgen und danke für diese hochinteressante Biografie. Für alle die weiterlesen möchten: "Die Poesie der Hörigkeit" von Lea Singer. Liebe Grüsse, Petra aus Neumarkt

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    1. Über diesen Roman bzw. über Mopsa Sternheim bin ich zu Thea gekommen, die ich dann um ein Vielfaches interessanter fand...
      LG

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  3. wieder ein schillendes Frauenleben
    und wie meist blieb die"Arbeit" und das "Aushalten" (in beiden Bedeutungen ;) ) an der Frau hängen
    ein starker Geist der sich nicht unterkriegen ließ
    liebe Grüße
    Rosi

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  4. An Bücher von Carl Sternheim in der Bibliothek der Eltern erinnerte ich mich sofort, dass es eine Thea Sternheim gab, wusste ich nicht. Spannend von ihr in ihren Zeiten zu lesen, was hat sie alles erlebt und wie geistig rege blieb sie ihr Leben lang. Ein schöner und spannender, aufregender Einstand in ein neues Jahr mit Great Women. Danke und liebe Grüße Ghislana

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  5. Danke, wieder ungemein spannend!
    Liebe Grüße
    Andrea

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    1. Je tiefer ich mich einarbeite, umso faszinierter bin ich, was Frauen so geleistet haben, wie gleichwertig sie gelebt haben und doch im Hintergrund bleiben müssen. Gerade habe ich wieder zwei Posts geschrieben und bin dabei auch auf neue, faszinierende Persönlichkeiten gestoßen...
      LG

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  6. Allein über dieses Leben zu lesen empfand ich als hart genug, um so erstaunlicher, wie kerzengerade diese Frau es doch gemeistert hat.
    Lieben Gruß Ulrike

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  7. Liebe Astrid, welch tolles Portrait ist dir wieder gelungen. Du musst ja eine lange Zeit für jedes verwenden, so intensiv ist die Ausstrahlung!Thea Sternheim war mir schon lange, auch im Zusammenhang mit den Mann-Kindern ein Begriff, aber soviel an Detailwissen hatte ich nicht. Danke, es hat mich heute gut abgelenkt und mir wieder gezeigt, dass es wahrlich noch ganz andere Probleme gab, als die unserer Zeit, selbst wenn die unseren auf allen Ebenen oft auch nicht zu unterschätzen sind. Herzlich, Sunni

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  8. Wieder ein sehr interessante Biografie und "leider" so spannend, dass ich sie von Anfang bis Ende lesen musste, obwohl ich doch eingentlich nur mal kurz einen Link kopieren wollte;-)
    Lieben Gruß
    Katala

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  9. Was ein Leben! Was Männergestalten (beinah hätt ich geschrieben Männergespenster) und wie sie sich doch immer wieder freimachen konnte, weitergehen, aufrichten, ihren Weg verfolgen, ihre Interessen, ihre Begabungen. Vielen Dank für diese Biographie!

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  10. So spannend! Heute komme ich erst in meiner schlaflosen Nacht zum Lesen und kann danach sicher nicht mehr gut einschlafen.
    Was sind das nur für großartige Frauen-Lebensläufe, die Du uns vorstellst. Wieviel Energie hatte diese Frau?! Was für Zeitläuften war sie ausgesetzt und wieviel Klugheit muss sie besessen haben, diese so zu überstehen. Und Leidenschaft und Liebe.
    Und völlig vergessen, aber Dank Luise Pusch und Dir wiederentdeckt.

    Nach Höllriegelskreuth in diesen unwirtlichen Ort werde ich mich mal begeben. Deine Quelle beschreibt das großartig. Und nach Uttwil fahre ich im September.
    Danke mal wieder für eine Entdeckung!
    Herzlichst, Sieglinde

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  11. eine äußerst aufregende geschichte - ich hab sie fast atemlos wie einen spannenden krimi gelesen. nein, von ihr hatte ich bisher nie etwas gehört, deshalb danke fürs informieren und aufklären.
    liebe grüße
    mano

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Der Kommentar ist für den Blogger wie der Applaus im Theater - also: worauf wartest du?

Aber bitte nicht vollkommen anonym - ein Name ist erwünscht! Und ein gewisses Maß an Herzensbildung auch - ansonsten schalte ich den Kommentar nicht mehr frei. Das kann auch schon mal dauern - dann bin ich vom Schreiben neuer Posts gefesselt!

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