Donnerstag, 5. April 2018

Great Women # 136: Dorothea Buck


"Was nicht gelernt wird, 
kann immer wieder geschehen, 
wenn die äußeren Lebensumstände sich entscheidend verschlechtern."

Dorothea Buck


Diese Aussage, vorgetragen mit einer warmen jugendfrischen Stimme, gehört im Radio, hat mich auf die heute von mir Porträtierte aufmerksam gemacht. Dass dieser Frau dermaßen Unmenschliches in ihren jungen Jahren widerfahren ist, mochte ich nach diesem akustischen Eindruck gar nicht glauben. Die Stimme im Radio gehörte Dorothea Buck...


Dorothea Buck erblickt am 5. April 1917 in Naumburg an der Saale das Licht der Welt. Sie ist das vierte von fünf Kindern der Anna Buck, geborene Lahusen, Tochter des Berliner Generalsuperintendenten Christoph Friedrich Lahusen, und des Pfarrers und späteren Kirchenrates Hermann Buck, der zu diesem Zeitpunkt als Militärpfarrer "im Felde" ist. Sie verbringt ihre ersten Lebensjahre mit ihren Geschwistern im Pfarrhaus von Naumburg, das sie später als recht traditionell bezeichnen wird.

Auf dem Schoß der Mutter (1920)
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1920 übersiedelt die Familie nach Oldenburg in Niedersachsen, wo der Vater eine neue Pfarrstelle übernimmt. Dorothea besucht in Oldenburg die Schule bis zur Mittleren Reife. Dann geht sie nach Friedrichshafen, um dort an der Frauenfachschule eine Ausbildung zur Kindergärtnerin zu beginnen - ihr Traumberuf, den sie schon als Zwölfjährige ins Auge gefasst hat, als sie im von der Mutter gegründeten Kindergarten mitgearbeitet hat.

Schließlich übernimmt der Vater 1934 eine Pfarrstelle auf Wangerooge, wohin ihm die Familie folgt. Dort macht Dorothea das für die Ausbildung zur Kindergärtnerin obligate praktische Haushaltsjahr bei ihrer Mutter. Und dort verliebt sich das 18jährige Mädchen 1935 in einen verheirateten Chorleiter, dessen starke, ihr völlig fremde Beziehung zu Jesus sie anzieht und bei ihr eine tiefe religiöse Auseinandersetzung auslöst.

"Damit begann der Konflikt, der meine Psychose wohl ausgelöst hat", schreibt sie später dazu. Am frühen Morgen des 2. März 1936 ereilt sie der erste schizophrene Schub mit voller Wucht beim Wäschewaschen. "Ich war davon überwältigt, dass ein ungeheurer Krieg kommt, ich die Braut Christi bin und einmal etwas zu sagen haben würde", erzählt Dorothea Buck später. Sie läuft zur Mutter. Deren Reaktion: "Nun wollen wir mal mit ganzem Herzen die Hausarbeit machen." Und weiter:
"Am 9. April 1936 trieb es mich in die Dünen hinaus. Seit einigen Wochen erlebte ich diese starken inneren Impulse. Ich folgte ihnen bedingungslos, denn ich empfand sie als Führung nach dem Paulus-Wort: "Die, die der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder." Die Nacht verbrachte ich in einer Dünenmulde. Es war kalt. Von Zeit zu Zeit stieg ich hinauf auf die Düne, um den Aufgang eines, danach eines zweiten Sternes über dem Horizont des Wattes zu beobachten. Waren es Venus und Merkur? Im Morgengrauen, als der Stern hoch am Himmel stand, zog ich mein Zeug aus … und verscharrte es im Sand. Ende meiner Eitelkeit. Nur den neuen Wintermantel behielt ich an. Dann ging ich dem Morgenstern nach, den Johannes am Ende seiner Offenbarungen mit Jesus identifiziert hat. Ich ging zuerst am Deich entlang, dann ins Watt hinein. Ich lief genau auf der Leuchtspur, die der Stern ins feuchte Watt warf und erklärte mir den Sinn dieses Ganges als vorausgeworfenes Zeichen einer einzuholenden Entwicklung." ( "Auf der Spur des Morgensterns", S. 19)
Dieses Erlebnis verändert alles: Die Ärzte diagnostizieren bei Dorothea eine Schizophrenie. Vater und Mutter lassen sie nach dem nächtlichen Gang ins Watt ins Festlandskrankenhaus bringen und von dort nach fürchterlichen Ausbrüchen vor lauter Angst & Verlassenheit von einem Freund des Hauses in die Bodelschwinghschen Anstalten Bethel bei Bielefeld, eine christliche Einrichtung, die in Dorotheas Elternhaus stets als "das große Werk christlicher Nächstenliebe" gepriesen worden sind. Die Tochter erlebt nun genau das Gegenteil:

Haus Magdala in Bethel
Im "Haus für Nerven- und Gemütsleiden" ( Haus Magdala ) mit einem der letzten Schüler von Emil Kraepelin ( der die Schizophrenie noch als "vorzeitige Verblödung" betrachtet hat ) als Chefarzt bleibt sie insgesamt neun Monate, elf Wochen davon auf einer "unruhigen Station". Es gibt keine Beschäftigung, man darf nur im Bett liegen, keinen Besuch empfangen, nicht miteinander reden ( denn dann bricht angeblich die Psychose erst recht aus ), Kommunikation mit dem Betreuungspersonal wird unterbunden und kein einziges ärztliches und seelsorgerisches Gespräch findet statt.

Dafür gibt es "Behandlungen", die der Folter gleich kommen, unter anderem Dauerbäder, Kaltwasserkopfgüsse und sehr unangenehme "nasse Packungen", als Dorothea begriffen hat, dass sie nur verwahrt, als geisteskrank betrachtet & ihr nicht wirklich geholfen wird und sie dagegen protestiert: "Ich lag 23 Stunden in der Badewanne, und dann war da eine Segeltuchplane drüber gespannt, mit einem steifen Stehkragen, der hinten abgeschlossen wurde, da konnte man also nicht raus, und dann unter diesem Bibelspruch ( Kommet her zu mir, alle die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken" Erg. durch mich): das war wie Hohn, also reiner Zynismus", wird sie später in einem Interview berichten.

Zeit ihres Lebens wird sie diesen Aufenthalt in Bethel als den schlimmsten all ihrer Klinikaufenthalte betrachten.

Reichsgesetzblatt vom 25.7.1933
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Da sie als "lebensunwert" & "minderwertig" eingestuft wird, trifft das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" der Nazis auf das junge Mädchen zu. Das rücksichtslose Eingreifen gegen die "erbliche Minderwertigkeit" und das "Unschädlichmachen der psychopathisch Entarteten" einschließlich Sterilisierung - das von den Nazis formulierte Ziel ist nun Programm.

Also wird Dorothea von einer ärztlichen Kommission im Sinne des Gesetzes für "erbkrank" erklärt und ohne ihr Wissen die Sterilisation vorgenommen. Ihre Mutter ist vorher vor die Wahl gestellt worden, dem zuzustimmen. Sonst drohe bis zum 45. Lebensjahr die anstaltliche Verwahrung der Tochter. Das findet sie noch schlimmer, sie stimmt zu, verliert aber vor der Tochter kein Wort darüber.

Ihre Operationsnarbe, erklärt man Dorothea hinterher, käme von einer Blinddarmoperation. Von einer Mitpatientin, einer alten Diakonisse, erfährt sie allerdings, was tatsächlich mit ihr geschehen ist: "Und da war ich natürlich total, total verzweifelt."

Damit teilt Dorothea das Schicksal von 360 000 vor allem psychisch kranken und geistig behinderten Menschen im Dritten Reich, die mit Hilfe von Psychiatern ihrer Fruchtbarkeit beraubt werden ( siehe auch dieser Post ). Über 6000 sterben infolge von Komplikationen bei diesem Eingriff, der mit teilweise übelsten Methoden durchgeführt wird.
"Die v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel beteiligten sich aktiv an diesem Sterilisierungsprogramm, ja sie übernahmen in mancher Hinsicht – sozusagen in vorauseilendem Gehorsam – sogar eine Schrittmacherrolle. Sie zeigten tausende potentieller Sterilisanden beim Amtsarzt an, stellten selber mehrere hundert Anträge auf Unfruchtbarmachung und  arbeiteten dem Bielefelder Erbgesundheitsgericht zu, das in den Anstalten tagte und im „Fließbandverfahren“ Sterilisierungen verfügte. Und schließlich führten die Anstalten in den Krankenhäusern Gilead und Nebo auch selber Sterilisierungen in großer Zahl durch." So stellen sich die v. Bodelschwinghschen Stiftungen heute auf der Internetseitseite "Bethel historisch" dieser Schuld.
1937 wird Dorothea als "gebessert" aus der Klinik entlassen.  Es wird ihr aber für immer untersagt, zu heiraten, höhere und weiterbildende Schulen zu besuchen und Kindergärtnerin zu werden. Dorothea versucht, sich selbst zu retten: "Die theoretische Möglichkeit, mein Leben zu beenden, wenn ich es nicht aushalte, hat mir geholfen, weiterzuleben", sagt sie später. Sie beginnt eine Ausbildung zur Töpferin im Oldenburger Land und in Hannover, wo ihr die Keramikerin, bei der sie ein Praktikum macht, eine große Begabung und außerordentlichen Fleiß bestätigt, und sie beschließt Bildhauerin zu werden.
"Der Schmerz" (1938)

Auf die erste schizophrene Episode folgt 1938 eine zweite, die in Ilten, südöstlich von Hannover, in einer Privatklinik behandelt wird.

Anschließend nimmt sie die Aufgabe einer Organistin in Hahnenklee bei Goslar wahr, die sie 1939 mit einer Ausbildung abschließt. Ihr Vater ist dort inzwischen als Hilfsprediger in der Stabkirche tätig und hat sich dem Widerstand um seinen Schwager Günther Dehn angeschlossen. In Hahnenklee lernt sie auch einen jungen Musiker kennen, dem sie beim Schmieden gemeinsamer Zukunftspläne gestehen muss, dass sie zwangssterilisiert ist. Ihre Liebe hat keine Chance, etwas, über das Dorothea nicht gerne spricht.

Ab 1941 besucht Dorothea dann die Frauenkunstschule der GEDOK in Berlin und verschafft sich 1942 einen Studienplatz an der privaten Städelschule in Frankfurt, was ihr nur gelingt, weil sie ihren Psychiatrieaufenthalt und die Sterilisation unterschlägt.

Dann, 1943, ein weiterer psychotischer Schub. Behandelt wird er mit Insulinschocks in der Uniklinik Frankfurt/Main, die der "Euthanasie" - Gegner, der Neurologe Professor Karl Kleist leitet ( "Stellen Sie sich vor, sie wollen mich, einen alten Arzt, mit meinen eigenen Händen Verbrechen begehen lassen." ). 

Dort hört sie auch zum ersten Mal, dass Psychiatriepatienten von den Nazis ermordet werden. Dem entgeht Dorothea, weil sie als arbeitsfähig eingestuft wird. Zwischen 1939 und 1945 werden insgesamt 250 000 bis 300 000 psychisch, geistig und körperlich behinderte Menschen als sogenannte "Ballastexistenzen" vergast, vergiftet oder man lässt sie verhungern. Daran beteiligt sind zahlreiche ärztliche Gutachter, darunter auch Professoren für Psychiatrie. Einige der Beteiligten werden nach 1945 sogar Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde, der DGPPN.
Erst 2010 bringt die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde endlich das Thema auf die Tagesordnung ihrer Jahrestagung im November in Berlin. Erstmals bekennt sich die Gesellschaft zu ihrer NS-Vergangenheit, bricht ihr Schweigen, geht in die Offensive und lässt ihre Rolle im Nationalsozialismus wissenschaftlich untersuchen. Eine Kommission wird gebildet, und eine Forschergruppe mit der Sichtung der Akten beauftragt. 
Doch zurück zu Dorothea Buck: 

1946 lernt sie bei einem weiteren Schub die Arbeitstherapie von Hermann Simon in der Klinik Gütersloh kennen und schätzen. Nach 3 Monaten und drei Elektroschocks kann sie diese Klinik verlassen und sich in Bielefeld um die Wiederaufnahme ihres Kunststudiums, diesmal an der Bielefelder Werkkunstschule bemühen. Ein erneuter Rückfall lässt sie Bethel nun von einer besseren Seite kennenlernen und bringt ihr, in Erfahrung mit einer Mitpatientin, die Einsicht in die wahre Ursache einer Psychose im eigenen Unbewussten.

Nach einem Zwischenspiel in München und einer ausgiebigen Wanderung durch die Berge 1948 kehrt sie nach Bethel zurück, hält sich mit Töpferarbeiten über Wasser und erwirbt anschließend den Gesellenbrief als Holzbildhauerin in Thüringen - Eingangsvoraussetzung für ein Studium an der einer Kunsthochschule. Dieses Studium absolviert sie dann an der Hamburger Kunsthochschule von 1952 bis 1959.

1950er/60er Jahre
Als ihre Psychose 1959 wiederum ausbricht, sind die Methoden andere geworden, denn seit Mitte der 1950er Jahre ist nun eine medikamentöse Behandlung populär. Und so werden auch Dorothea bei ihrer Einlieferung in Hamburg-Ochsenzoll Neuroleptika verabreicht ( sie vermutet später solche mit dem Wirkstoff Haloperidol ). Die Patienten werden nach einem kurzen Aufnahmegespräch unter Medikamente gesetzt und dann einfach still gelegt:
"In kürzester Zeit waren wir auch körperlich so geschwächt, dass ich auf unsicheren Beinen zum Klo taumelte. Ich musste mich an den Bettkanten festhalten, um nicht hinzufallen. Meine Hand zitterte so, dass ich die Tasse kaum halten konnte und den Kaffee verschüttete. (...) Die Ärzte hatten kaum eine Ahnung, was wir erlebten, aber sie besaßen die Macht, uns im geschlossenen Haus zwangsweise auch noch die letzte Freiheit zu nehmen: die Freiheit über unsere Gedanken, unser Bewusstsein und unseren Körper." ("Auf der Spur des Morgensterns", S. 217)
Ab 1960 folgt eine freie künstlerische Tätigkeit als Bildhauerin mit öffentlichen Aufträgen bis 1965. Als sie per Zeitungsanzeige ein Atelier sucht, wird ihr eine Garage, ein Dachboden und ein Gartenhaus in Hamburg-Schnelsen angeboten, von dem sie sehr angetan ist und das sie im Frühjahr 1960 bezieht ( und das sie erst 2013 verlassen wird ).



Die Arbeit als Bildhauerin lässt sie neuen Lebensmut finden. Auch wenn ihre Werke die erlittenen Verletzungen wiedergeben - Dorothea verbittert nicht. Auch die Krankheit meldet sich nicht mehr wieder, weil sie ihrer Meinung nach verstanden hat, was das Unbewusste ihr damit sagen wollte, so ihre Überzeugung. Sie vertraut der Möglichkeit des Lernens, Gott und der Anschauung C.G. Jungs vom Lernen und Wachsen durch seelische Verstörung. Wichtig sei, Schizophrenie nicht als etwas Krankes, sondern als Teil der eigenen Persönlichkeit wahrzunehmen. "Psychosen entstehen, wenn innere Konflikte mit bewussten Mitteln nicht gelöst werden können und dann das Unbewusste nach vorne tritt." Das ist ihr Credo.


"Mutter und Kind"
1964 vor der Schule an der Gartenstadt in Hamburg aufgestellt (rechts)
Modell links
1969 nimmt Dorothea Buck dann eine Arbeit als Lehrerin für Kunst und Werken an der Fachschule für Sozialpädagogik I in Hamburg auf, die sie bis 1982 ausübt. 1969 bringt sie auch ein Theaterstück heraus über die "Tragödie der Euthanasie". 1970 gründet sie mit anderen Menschen, die  in der Psychiatrie gewesen sind und sich einsam fühlen, den "Club 70", 1971 den "Aktionskreis 71", die erste Selbsthilfegruppe von Menschen, die die Psychiatrie ertragen haben.

Neben ihrer Tätigkeit als Dozentin schreibt sie nun fortwährend, ermutigt von Hans Krieger, der in der "Zeit" kritische Essays zur Psychoanalyse veröffentlicht hat, an ihrem Bericht über ihre Erfahrungen mit der Schizophrenie und ihrer Selbstheilung, der schließlich 1990 unter dem Titel "Auf der Spur des Morgensterns - Psychose als Selbstfindung" herauskommt. Als Autorin wird damals eine Sophie Zerchin ausgewiesen, ein Anagramm aus dem Wort Schizophrenie.

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Vor allem ihre Erfahrungen in Bethel machen sie in der Erinnerung immer wieder zornig und veranlassen Dorothea Buck, sich für eine humane Psychiatrie einzusetzen und sich darin nicht entmutigen zu lassen. 1991 gründet sie mit anderen schließlich den "Verein zur Selbsthilfe Psychiatrie-Erfahrener - Pandora", deren Ehrenvorsitzende sie bis heute ist. Der Verein setzt sich für eine Psychiatrie ein, die den Patienten ernst nimmt, ihm zuhört, mit ihm arbeitet und ihm nicht nur Medikamente verabreicht. In Dorothea Bucks Augen macht man ihn so nämlich mundtot.
"Auch die heutige Psychiatrie richtet sich ja nicht nach den Erfahrungen und Bedürfnissen der Patienten, sondern der Psychiater. Sie wollen Mediziner sein. Folglich muss auch die Psychose körperlich, nicht seelisch verursacht sein. Und auch noch "unheilbar" sein, damit das Versagen der Ärzte nicht offenbar wird. Ich selbst bin ein Beweis: Nach fünf als "schizophren" diagnostizierten Psychosen habe ich seit genau fünfzig Jahren keine Psychosen mehr erlebt. Ich spreche nicht von "Heilung", weil ich "krankheitsuneinsichtig" bin. Mir scheint die psychiatrische Methode der medikamentösen Unterdrückung der Psychose der genau falsche Weg zu sein. Denn alles Unterdrückte bricht irgendwann erneut auf." Das sagt Dorothea Buck an dieser Stelle.
Gegen die "psychiatrische Gesprächslosigkeit" bzw. die ungenügenden psychiatrischen Gespräche hat sie 1989 mit dem Hamburger Psychologen Thomas Bock das erste "Psychose-Seminar", den Trialog, begründet: "Ich hatte mir vorgestellt, dass wir Psychose-Erfahrene den im veränderten Psychoseerleben unerfahrenen Profis und Angehörigen ein besseres Psychoseverständnis vermitteln würden." Ihre Vorstellungen von einer besseren Psychiatrie stellt sie auf vielen Vortragsreisen vor.

Im Jahre 1997 wird sie für ihren Einsatz mit dem Bundesverdienstkreuz, 2008 mit dem Großen Verdienstkreuz der Bundesrepublik ausgezeichnet.

Wenn ihr Zorn über das erfahrene Unrecht, die Entschädigungspolitik oder NS-Verbrecher, die ungestraft davonkommen, wieder zu groß werden, schreibt sie zahlreiche Briefe an Politiker, in denen sie für die Rehabilitierung von Zwangssterilisierten und "Euthanasie"-Geschädigten kämpft, und insgesamt vier Bücher. Viele andere Psychiatriepatienten schreiben ihr von ihren Erlebnissen und bitten um Rat, den sie, so sie kann, gerne erteilt. Ihr wacher Geist weiß jeden zu faszinieren, der sie kennenlernt, ihre warmherzige Art nimmt jeden für sie ein.
Viele Gruppen führt das Bundesentschädigungsgesetz als NS-Opfer auf, aber jene Menschen, die gegen ihren Willen unfruchtbar gemacht wurden, fallen nicht darunter. Eugenische Sterilisationen werden noch viele Jahre nach Kriegsende als angemessene Methoden der Gesundheitskontrolle angesehen. Erst 1974 wird dieses NS-Gesetz außer Kraft gesetzt. 1980 erhalten die Geschädigten eine einmalige Zahlung von 5000 DM und müssen unterschreiben, keine weiteren Forderungen zu stellen. 1988 werden ihnen dann monatliche Zahlungen nach dem Allgemeinen Kriegsfolgengesetz zugestanden und im Bundestag die Zwangssterilisationen als NS-Unrecht bezeichnet. Erst 1998 werden die Urteile der Erbgesundheitsgerichte aufgehoben. Eine rechtliche Anerkennung, wie sie anderen Opfergruppen nach Paragraf 1 Bundesentschädigungsgesetz (BEG) widerfuhren, erhalten Zwangssterilisierte nicht, weil sie ja nicht aus Gründen der Rasse oder der Weltanschauung verfolgt worden seien. "Eine Erweiterung wäre aus verfassungsrechtlicher Sicht ohne Weiteres möglich, erscheint mir aber nicht politisch gewollt", meint der Kölner Staatsrechtler Wolfram Höfling aus dem Ethikrat noch 2014 dazu. Dabei setzt die Politik offensichtlich auf eine biologische Lösung: 2014 lebten noch 364 Zwangssterilisierte.


Von 2001 bis 2008 besucht die Regisseurin Alexandra Pohlmeier Dorothea Buck regelmäßig in ihrer Hamburger Atelierwohnung und begleitet sie auf ihren Reisen und hält die "große Lebenserzählung" auf Filmmaterial fest. Ihr Kinodokumentarfilm "Himmel und mehr - Dorothea Buck auf der Spur" wird 2008 veröffentlicht und bringt einem größeren Publikum den Weg und das Werk einer außergewöhnlichen Frau nahe. 

Im Juli 2013 verlässt Dorothea Buck ihr Gartenhäuschen, nunmehr 96jährig, um in eine Seniorenanlage in der Nähe zu übersiedeln. 2017 wird sie zur Trägerin der Hamburger "Medaille für Treue Arbeit im Dienste des Volkes" in Silber ernannt, kurz vor ihrem hundertsten Geburtstag.

Source: dpa



Inzwischen ist sie bettlägerig, aber immer noch geistig fit und darf heute ihren 101. Geburtstag feiern.
"Wenn ich nicht zwangssterilisiert worden wäre, dann hätte mich das alles ja gar nicht interessiert. Und dann hätte ich geheiratet, dann hätte ich Kinder gehabt, dann hätte ich diesen Musiker geheiratet. Und wäre Kindergärtnerin geworden. Und wenn ich das vergleiche - da muss ich sagen: Das befriedigt mich zutiefst, dass ich da etwas bewegen konnte."
Alles, alles Gute zum Geburtstag!

Kommentare:

  1. Danke liebe Astrid! Wirklich inspirierend und interessant. Wie viel ein einzelner Mensch doch bewegen kann, selbst, wenn er so viel Leid in seinem Leben erfahren hat. Wenn ich solche Berichte lese, fühle ich mich gegen diese kämpferischen Frauen immer wie eine lethargische.... Raupe.
    Lieben Gruß
    Gabi

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    1. Aber Raupen können sich verpuppen und nach der Metamorphose etwas viel Grandioseres werden - es kommt eben auf die Situation an. Deine zeit kommt vielleicht auch noch. ;-)
      LG

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  2. Ich bin einfach nur sprachlos...
    Es gibt Kulturen, in denen solche Menschen in ihren einzigartigen Fähigkeiten erkannt und hochgeachtet werden oder wurden und nicht gezwungen waren all das abzuspalten, was sie mit Allem-was-ist verbindet. Als Schamanen, Heiler, Seher etc. In was für einer barbarischen Welt ist unsere Elterngeneration aufgewachsen...
    Ich habe Hochachtung vor dieser Frau! Danke für den ausfürhlichen Bericht Astrid

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  3. Wieviel Stärke diese Frau hat. Soviel Leid und Traurigkeit im Leben und dann diese Metamorphose, das ist einfach beeindruckend.
    Und diese wachen Augen mit 101 Jahren.
    Ich kannte sie nicht.
    Es kommt ja nicht so oft vor, dass die Great Woman noch lebt, wenn Du sie vorstellst.
    Danke fürs Vorstellen von Dorothea Buck an Dich und Danke an sie für ihr Lebenswerk und alles Gute zu ihrem hohen Geburtstag.
    Herzlichst, Sieglinde

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  4. Damit hast du bestimmt bei vielen deiner Leser-innen eine Wissenslücke geschlossen. Wunderbar, dass du uns diese beeindruckende Frau vorgestellt hast. Anfangs mochte man ja kaum weiterlesen, bei so viel Grausamkeit.
    Gut, dass sie so positiv auf ihr Leben zurückblicken kann.
    Liebe Grüße

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  5. Ein unglaublich beeindruckendes Portrait liebe Astrid. Dieses Schicksal und dennoch diese Stärke und Kraft haben mich sehr berührt. 100 Jahre! Danke für die Vorstellung!
    Liebste Grüße
    Christel

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  6. Beeindruckend!
    Mir wird schon vom Lesen der Lebensgeschichte schlecht!
    Von Herzen alles Gute zum Geburtstag!

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  7. Danke Astrid für dieses Portrait...es hat mich sehr berührt und auch beeindruckt, wieviel Stärke diese Frau bewiesen und gelebt hat.
    Lieben Gruß, Marita

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  8. 101 wow ..
    wieder eine starke Frau die sich von ihrem Schicksal nicht unterkriegen ließ
    die trotz ihres eigenen Leidens sich für andere engagierte und gegen das Unrecht anging
    ein Teil der Biografie erinnert mich an meine Mutter ..es hieß zwar immer sie hätte Nervenzusammenbrüche gehabt
    aber wenn ich das hier lese denke ich eher dass es auch Psychosen waren .. und ein ähnlicher Auslöser..
    der Besuch als Kind bei ihr in der Nervenklinik steckt noch als bedrückende Erinnerung in meinem Gedächtnis ..

    danke fürs Vorstellen
    liebe Grüße
    Rosi

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  9. Was für eine unglaubliche, vor allem auch künstlerische, Kraft in dieser Frau liegt.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  10. ich bin zutiefst beeindruckt und werde mich weiter mit ihr beschäftigen. eine alte freundin (inzwischen leider verstorben) ist in den 1950er jahren auch in die mühlen der psychatrie geraten. erst 1968/69 konnte sie dort durch zivildienstleistende, die dank der damaligen diskussion über die verhältnisse in "irrenanstalten" sensibilisiert waren, befreit werden. sie hat danach noch viele jahre ein einfaches, aber selbstständiges leben führen können.
    liebe grüße
    mano

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